Hemingways „Fiesta“: Michael Naumann, Chef des Rowohlt Verlages, antwortet auf die Übersetzungskritik in der ZEIT Nr. 4

George G. Williams führt die Leser der ZEIT in kritischer Absicht durch die Übersetzung von Ernest Hemingways „Fiesta“ aus der Feder von Frau Annemarie Horschitz-Horst. Allerlei Übertragungsfehler ins Deutsche werden den ZEIT-Lesern als eine bedeutende Entdeckung präsentiert. Das Buch ist in dieser Form 1928 erschienen. Die Kritik kommt ein bißchen zu spät. Schon in den fünfziger Jahren bemerkte ein kenntnisreicher deutscher Literaturkritiker, daß die jungen Autoren, die hierzulande glaubten, wie Ernest Hemingway zu schreiben, in Wirklichkeit eben wie Horschitz-Horst schrieben.

Selbstverständlich sind die Schwächen der Horschitz-Horst-Übersetzung bekannt. Die Verdienste allerdings auch. Ein strikter Vertrag hatte den Rowohlt Verlag seit den zwanziger Jahren auf besonderen Wunsch des Autors an diese Übersetzerin gebunden. Sie lebt nicht mehr. Aber ihre Erbin bezieht weiterhin seinerzeit zwischen Hemingway und ihrer Mutter festgeschriebene Honoraranteile für die „vom Autor autorisierten“ Übersetzungen. Das Urheberrecht an der Übersetzung liegt bei der Erbin und läuft erst im nächsten Jahrtausend aus. Neuübersetzungen lehnt sie ab.

Das ZEIT-Feuilleton, das es sich bisweilen aus gutem Grund zur Aufgabe macht, auf das herbe Los der Übersetzer hinzuweisen, sollte eigentlich wissen, daß nach dem Urheberrecht „Übersetzungen, die persönliche, geistige Schöpfungen des Bearbeiters sind, unbeschadet des Urheberrechts am bearbeiteten Werk wie selbständige Werke geschützt sind“. Und: „Das Urheberrecht ist vererblich“ (§ 28 des Urheberrechts). Bekanntlich erlischt es erst siebzig Jahre nach dem Tode des Urhebers. Vorstöße der Erben Hemingways bei der Erbin der Übersetzerin fruchteten nichts. Auch die Änderungswünsche des Verlages wurden von der Erbin abgelehnt. Dies ist der Sachverhalt. Statt unserem Verlag Vorhaltungen zu machen, die in Wirklichkeit auf die Eigenheiten des Autors Hemingway abzielen, der auf dieser Übersetzerin und keiner anderen beharrte, hätte sich der Autor sachkundig machen können.

P.S.: Irgendwann nach dem Krieg gab Ledig-Rowohlt Hemingway ein Dossier mit den Übersetzungsfehlern, um seine Zustimmung zu einer Neuübersetzung zu bekommen, und Hemingway, nachdem er sich nach der Höhe der Auflage erkundigt hatte, die ihn offenbar zufriedenstellte, sagte: „The translation seems to be alright.“