Von Claudia Steinberg

Das Dokument hat dreizehn Seiten. Was es bedeutet, erklärt eine Rechtsanwältin ihrem staunenden Publikum – Studenten und Studentinnen des Antioch College in Ohio: „Wenn du ihre Bluse öffnen möchtest, mußt du sie fragen. Wenn du ihre Brust berühren möchtest, mußt du sie fragen. Wenn du deine Hand zu ihren Genitalien hin bewegst, mußt du sie fragen. Wenn du mit einem Finger in sie eindringen möchtest, mußt du sie fragen – und nur ein klar und deutlich ausgesprochenes Ja zählt.“

Die Lektion in angewandter Sittenlehre, die hier den Erstsemestern zuteil wird, ist eine aus einer Reihe von Veranstaltungen, wie sie inzwischen an vielen amerikanischen Colleges üblich sind: Die Studenten sollen lernen, was Vergewaltigung bedeutet, was sexuelle Nötigung heißt, und sie sollen erfahren, welche Strafen das College für solche Vergehen verhängt. Das interne Strafregister reicht bis zum Verweis von der Universität.

Sex wird für die amerikanische Öffentlichkeit ein zunehmend komplizierteres und gefährlicheres Phänomen. „Die Vereinigten Staaten sind eine Vergewaltigungskultur, die Gewalt als sexy und Sex als gewalttätig betrachtet“, so steht es in einem der zahlreichen neuen Bücher zum Thema date rape – Vergewaltigung unter Bekannten. Alle Zeitungen kommentieren den sensationellen Freispruch für Lorena Bobbitt, die von ihrem Mann John sexuell mißhandelt worden war und ihn daraufhin entmannte, die Ethikkommission des Senats verhandelt den Skandal um den Senator Bob Packwood, den vierundzwanzig seiner weiblichen Angestellten beschuldigen, sie sexuell belästigt zu haben. Doch nicht Einzeltäter stünden da vor Gericht, meint der Soziologe Michael S. Kimmel, vielmehr werde derzeit einer aggressiven, frauenfeindlichen Maskulinität der Prozeß gemacht. Während die sexuelle Revolution der sechziger Jahre der Frau erstmals ein schamfreies Ja zur Lust zugestand, geht es jetzt wieder um ihr Nein: Frauen kämpfen um die Kontrolle der sexuellen Situation, und sie bestehen auf dem Nein als absoluter Kategorie.

Der Begriff date rape wurde 1977 von Susan Brownmiller in ihrem Klassiker „Against Our Will“ geprägt. Laut einer Studie von Ms. Magazine aus dem Jahre 1985 wird jede vierte amerikanische Studentin Opfer einer versuchten oder tatsächlichen Vergewaltigung. Vor drei Jahren fand sich in den Toilettenräumen der Bibliothek der Brown University (Rhode Island) eine Liste mit den Namen von dreißig Kommilitonen, die hiermit zu Vergewaltigern gestempelt wurden – ein Exempel, das Schule machte: An mehr als tausend Colleges wurden Zentren für sexuell mißhandelte Studentinnen eingerichtet. Das Problembewußtsein scheint mit der Zahl der Anzeigen wegen anstößigen Verhaltens in jüngster Zeit geradezu dramatisch zu wachsen. Im Jahr 1990 wurden insgesamt knapp 6000 Fälle aktenkundig gemacht, allein in den ersten acht Monaten des Jahres 1993 waren es schon doppelt so viele. Norman Podhoretz, Herausgeber des konservativen Magazins Commentary, wittert eine männerfeindliche Verschwörung gegen die „Kunst der Verführung“ und schlägt Alarm: Die Konsequenz werde nichts weniger sein als – epidemische Impotenz.

Tatsache ist, daß Vergewaltigung ein nach wie vor häufig verschwiegenes Verbrechen ist. Der umstrittene Begriff date rape bezeichnet keinen Sonderfall der sexuellen Attacke, vielmehr die Regel – siebzig Prozent aller Vergewaltigungen werden von Bekannten und nicht von Fremden verübt. Noch immer aber glaubt die Justiz einer vergewaltigten Frau um so mehr, je weniger sie mit ihrem Angreifer zu tun hatte.

Die spektakulären Verfahren gegen Willy Kennedy Smith und Clarence Thomas haben gezeigt, wie schwer es einer Klägerin gemacht wird, einen mächtigen Mann sexueller Attacken, ob verbaler oder physischer Natur, zu überführen. Ebenso gilt, wie der Fall Mike Tyson demonstrierte, daß ein schwarzer Angeklagter eher ins Gefängnis wandert als ein weißer. Achtzig Prozent aller Vergewaltigungen in den USA werden von weißen Männern begangen, aber achtzig Prozent aller wegen dieses Verbrechens tatsächlich inhaftierten Männer sind schwarz. Da date rape und sexuelle Belästigung inzwischen eindeutig als kriminelle Handlungen gelten, diskreditiert man zur Verteidigung gern die Opfer – als emotional instabil oder als sexuell freizügig.

Doch auch aus dem Lager der Frauen selber gibt es in dieser Frage Widerspruch. Die postfeministische Autorin Katie Roiphe, deren im vergangenen Sommer erschienenes Buch „The Morning After: Sex, Fear and Feminism on the Campus“ die date rape-Debatte weiter befeuerte, spricht von einer Hexenjagdatmosphäre, die eine größere Freiheitsbedrohung darstelle als der handgreifliche Mitstudent. Die „wall of shame“, schreibt Roiphe, erinnere sie an das maoistische China. In einem solchen Klima gelte es dann auch als legitim, wenn ein Student, der, wie an der Brown University geschehen, wegen einer sexuellen Verfehlung für ein Jahr suspendiert wurde, bei seiner Rückkehr das gesamte Campusgelände tapeziert finde mit seinem Photo, seinem Namen und der Beschreibung seines Deliktes. Wie ihre – radikalere – Kollegin Camille Paglia fürchtet Katie Roiphe, daß zuviel Protektion zu einer neuen Form der Entmündigung führen könnte.

Katie Roiphe warnt davor, die Universitäten wieder in die Rolle der Elternstellvertreter hineinzudrängen, die sie seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zugunsten der Selbstverantwortung der Studenten allmählich abgetreten haben. Gefährdet sei, was ihre Mutter und deren Altersgenossinnen den prüden fünfziger Jahren abgetrotzt hätten. Für sie ist date rape auch eine Frage der Interpretation: Was für die eine Frau eine Vergewaltigung sei, könne für die andere einfach eine schlechte Nacht bedeuten.

In der Debatte um date rape und das verwandte Thema „Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“ plädiert Camille Paglia für die extremste Form der Eigenverantwortung: Sie glaubt an Sicherheit nur im Polizeistaat. Paglia, wegen ihrer publikumswirksamen Radikalität ein Lieblingskind der Medien, attackiert die angeblich verwöhnten Mädchen an den Eliteuniversitäten. Im naiven Glauben an den guten Menschen begäben sie sich in die unkontrollierbare Gefahrenzone männlicher Sexualität, ohne die volle Verantwortung dafür tragen zu wollen. Studentische Verbindungen und Sportteams sind für Paglia noch immer frauenfeindliche Bastionen. Den Besuch einer Party dort vergleicht sie mit dem Leichtsinn, eine pralle Brieftasche auf einer Bank im Central Park zu hinterlegen. Sie erinnert daran, daß das Rendezvous ohne Aufpasser ein relativ neues gesellschaftliches Phänomen sei und daß noch in den sechziger Jahren an den Universitäten eine Ausgangssperre nach 23 Uhr herrschte. Für Paglia sind männliche Sexualität und Gewalt untrennbar verbunden. Kampflos tritt sie ganze Erfahrungsbereiche als Tribut an die Realität männlicher Brutalität ab – all die einsamen, nächtlichen Abenteuer, bei denen eine Frau in Lebensgefahr geraten könnte.

Kürzlich hat der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten in einem einstimmigen Beschluß die Definition sexueller Belästigung erweitert. Eine Klägerin muß nun nicht mehr tiefen seelischen Schmerz und Arbeitsunfähigkeit als Resultat einer Belästigung nachweisen. Das mag der allmählichen, tiefgreifenden Veränderung des beruflichen Status von Frauen Rechnung tragen. Seit Frauen in wachsender Zahl in alle Berufe vordringen, erscheint eine strengere Reglementierung des um seine Dominanz ringenden männlichen Egos geboten. Solange sich die Identität des Mannes noch über die Rolle des Broterwerbers definiere, werde er versuchen, die weibliche Konkurrenz mit allen Mitteln in ihre Schranken zu weisen, schreibt Susan Faludi in ihrem Bestseller „Backlash: The Undeclared War against American Women“.

Sexuelle Sitten sind gewiß flexibler, als Camille Paglia behauptet, die von der ehernen Symbiose von Trieb und Gefahr spricht. Homosexuelle Männer liefern das aktuelle Beispiel für eine radikale Neudefinierung intimer Begegnungen: In dem kurzen Zeitraum der Bedrohung durch Aids ist es ihnen gelungen, zur bevorzugten Verkehrsform zu erheben, was ehemals ein Widerspruch in sich schien: Safer sex. Nicht eine puritanische Revision, sondern die Tatsache, daß Eros und Tod plötzlich so unromantisch miteinander verknüpft sind, ist Hintergrund für das Sicherheitsbedürfnis der neuen Generation: Es geht nicht allein um die Samthandschuhe, es geht um das Kondom.