Von Lutz Rathenow

Da er vor dem Mauerbau in West-Berlin zur Schule ging, mußte sich Rainer Eppelmann im abgeschotteten Ost-Berlin als Dachdecker bewähren. Einmal wäre er fast abgestürzt. Ansonsten gefiel es ihm, in achtzehn Meter Höhe Regenrinnen zu säubern.

Solche vielsagenden Details finden sich oft in diesem autobiographischen Bericht. Sie deuten unverhoffte Möglichkeiten an, die jede Zeit bereithält. Rainer Eppelmann, eher pragmatischer Draufgänger als grübelnder Intellektueller, hat einiges erlebt. Er erzählt das erfreulich nüchtern, nicht ohne Selbstironie. Es wäre falsch, seine Geschichte in Stichworten zu rekapitulieren. Dann käme jenes Heldenbild eines unermüdlichen Dissidenten heraus, das lesewillige Ex-DDR-Bürger eher hindern würde, zu diesem Buch zu greifen.

Pfarrer Eppelmann bleibt bei seinen christlichen Geboten und versteht (fast) alles, auch die Logik der alltäglichen Anpassung in der DDR. Die Erinnerungen provozieren durch ihre Selbstverständlichkeit: wie da einer den Gehorsam verweigerte, und zwar schon vor seiner Zeit als öffentlicher Störenfried. Als Wehrdienstverweigerer kommt er ins Gefängnis und erlebt die Solidarität der Mitgefangenen gegenüber dem Wachpersonal. Auch da verhindert keine Überzeugung allein das Verzweifeln. "Kindisch zu sein wirkt im Gefängnis und im Lager wie ein Ventil. Uns machte es eben Spaß, Rohkostsalat an die Decke zu werfen."

Eigentlich wollte er ja Architekt oder Bauingenieur werden. Dazu gab es nach der Verweigerung keine Möglichkeit mehr. "Ich fragte mich: Was kannst du werden, um in diesem Land zufrieden zu sein ...? Als einzige Antwort fiel mir ein: Pfarrer." Mit der Kirche verbanden ihn zu diesem Zeitpunkt schon positive Erfahrungen. Es ist gut, wie offen der spätere Pfarrer der Samaritergemeinde daran erinnert, daß in der DDR so mancher in der Kirche sein berufliches Heil suchte, der unter anderen Umständen nicht einmal zu den regelmäßigen Besuchern sonntäglicher Gottesdienste zählen würde. Die Kirche oder die Künstler ersetzten für die Öffentlichkeit nicht vorhandene oder in ihrer Anpassung unglaubwürdige Berufe – vom Sozialarbeiter bis zum Philosophen. Für Rainer Eppelmann wurde Dorothee Sölles Devise ("Atheistisch an Gott glauben") zur Lebensmaxime: "Für mich bedeutet das Gebet nicht das gleiche wie für die meisten anderen Christen. Ein Wort wie Meditation kommt meinem Glaubensverständnis viel näher."

In dem Buch tritt die Bedeutung der kirchlichen Jugendarbeit bei der allmählichen Herausbildung einer politischen Opposition klar hervor. Die ab 1980 jeden Herbst durchgeführte – und von Eppelmanns Samaritergemeinde besonders attraktiv ausgestaltete – Friedensdekade entsprang einer Konferenzidee der Landesjugendpfarrer in der DDR. In diesem Umfeld verbreitete sich auch zuerst der dann von staatlichen Stellen so heftig bekämpfte Aufnäher "Schwerter zu Pflugscharen" – auch da weiß der Autor manche Anekdote zu erzählen.

Deutlich wird, wie aus einem trotzigen Selbstbewußtsein allmählich ein bewußter politischer Widerstand heranwächst. Eppelmanns erster spezieller Beitrag dazu war die Durchführung der "Bluesmessen" – vielleicht die ersten Großveranstaltungen einer außerkirchlichen Subkultur in Berliner Gotteshäusern. Neben der Musik gab es zunehmend verfeinerte Vortragsteile, kabarettähnliche Szenen. Stände mit Informationsmaterialien, Ausstellungen und Lesungen, das bunte Vielerlei späterer Friedenswerkstätten kündigte sich an.