Für Häme kein Anlaß, vielleicht sogar eher zu kleiner Vorab-Gratulation: Der 81jährige Schriftsteller Stefan Heym will als „unabhängiger“ Kandidat der PDS in den Bundestag – dessen Alterspräsident er dann wohl wäre. Nun ist die PDS trotz ihrer Emily namens Gysi wahrlich keine Nobelkarosse. Dennoch: Heym könnte dort vortragen, was vielen in Deutschland als zerspellter Traum gilt, was ihm – und anderen – aber Denkmodell wie Hoffnungsziel geblieben ist: eine sozialistische Alternative zum Kapitalismus. Wieso soll derlei nicht artikuliert werden in einem Plenum, das der geschliffenen Rede wie gedanklicher Clarté seit langem weitgehend unverdächtig ist? Mir sind die politischen Wünsche Stefan Heyms nebulös, oft irrig, gelegentlich schrillfalsch. Dennoch (gar: deswegen) habe ich ihm oft und über Jahre hinweg gerne zugehört; mit Gewinn übrigens.

Stefan Heym ist nicht nur ein nennenswerter Schriftsteller. Er ist ein anständiger Mann, der nicht Kreide fraß, um vor den Wandlitz-Bonzen zu zwitschern; der nicht Zigarren schmauchte mit den Häschern; der sich nicht krumm machte, um nach Privilegien zu haken: Er ist zeitlebens seinen eigenen aufrechten Gang gegangen.

Wenn er heute, auf uns bezogen, sagt: „Dieser Gesellschaft mißtraue ich“, dann hat er das Recht dazu – abgeleitet aus dem unverschwiegenen Mißtrauen, das er anderen Gesellschaften entgegenbrachte: Der 1933 über die Tschechoslowakei in die Vereinigten Staaten emigrierte jüdische Bürger namens Helmut Flieg, der schon 1931 als Oberprimaner wegen eines antimilitaristischen Gedichts das Chemnitzer Gymnasium verlassen mußte; der bald englischsprachige Romancier Stefan Heym, dessen Erstling „Hostages“ 1942 in Amerika verfilmt und dessen Kriegsroman „The Crusaders“ („Der bittere Lorbeer“) ein Bestseller wurde; der Rückkehrer schließlich, der das McCarthy-Amerika verließ, „das Experiment DDR“ ausprobieren wollte und als DDR-Bürger bereits mit seinem Roman über den Volksaufstand vom 17. Juni, „Fünf Tage im Juni“, ins Verbot lief. Der Mann muß sich nicht schämen. Und wer sich nur der winzigen Szene in seinen Memoiren erinnert, wie er – vergebens – das Grab seines in Deutschland ermordeten Vaters sucht: der wird dieser Biographie den Respekt nicht versagen können.

In Deutschland gilt ja der Abzählreim für Künstler „Ein Talent, doch kein Charakter“ – „Kein Talent, doch ein Charakter“. Hier haben wir ein Talent und einen Charakter. Lassen wir ihn sprechen; es wird kein Möllemann-Deutsch sein, und er wird uns nicht in der Bonner „Ich gehe davon aus“-Grammatik anöden. Hören wir ihm zu; es wird quer sein, verquer auch – Widerspruch erlaubt wie geboten. Besser die honorige Einrede eines Stefan Heym als der honorierte Eintopf. Man wird ja noch Sozialist sein dürfen.

Fritz J. Raddatz