Von Maunz’ Doppelleben wußte nicht einmal seine Familie. Fünf Nummern lang kostete die National-Zeitung den Triumph aus, einen der einflußreichsten Verfassungskommentatoren im verborgenen zu ihren Förderern zählen zu dürfen. So ist es wahrscheinlich auch wahr – Frey brüstet sich damit daß Maunz Frey mit einem Gutachten aus der Klemme half, als diesem nach Artikel 18 Grundrechte entzogen werden sollten. Damals wußte niemand so recht, warum das Verfahren versandete.

Maunz’ Schüler Roman Herzog zeigte sich wütend und konsterniert. Mitkommentator Dürig reagierte erschrocken, wenn auch moderat: Maunz sei ein Mann von geradezu asiatischer Höflichkeit gewesen und habe nie nein sagen können; immerhin brauche der Kommentar nicht geändert zu werden: "Da ist jede Zeile einwandfrei." Doch den Kritikern, erscheint Theodor Maunz nun als "Verfassungsfeind nach Feierabend" und als ein kalter Anpasser. Viele Kritiker finden nun auch, Maunz’ Arbeiten seien kaum jemals originell gewesen, sondern hätten "geradezu als Inkarnation der mittleren, konfliktvermeidenden herrschenden Meinung gelten" können. Das ist ungerecht, denn in den fünfziger Jahren hat Maunz der ersten Nachkriegsgeneration Grundrechte und Rechtsstaatlichkeit nahegebracht. Als sein ehemaliger Student in München schwankt der Autor dieser Zeilen heute zwischen Bewunderung und Ekel.

Die Sprüche aus der Nazizeit deuten nun wieder auf einen ungeläuterten, nur getarnten Maunz, widerwärtige Phrasen zwischen 1933 und 1944 wie diese: Juden hätten durch ihr einseitiges Interesse an formalen Kategorien die Verwaltungsrechtswissenschaft inhaltlich entleert oder: Das Schwimmbadverbot für die Juden sei geradezu eine "Erfüllung des nationalsozialistischen Gleichheitssatzes". Sätze von Maunz damals: "Die politischen Führer-Entscheidungen vertragen keinerlei Kontrolle durch einen justizförmigen Apparat." Oder: "Der Führer ist vor allem berufen, das Recht zu erkennen, kundzutun und zu vollstrecken." Von diesem mörderischen Unsinn ist allzu reichlich vorhanden.

Die furchtbaren Sätze liegen als Schatten über dem Kommentar zum Grundgesetz. Wenn es jetzt darum geht, ob der Name Maunz getilgt werden soll, dürfte Roman Herzog wohl das entscheidende Wort haben. Er studierte, promovierte und habilitierte sich bei ihm, und er ist inzwischen der zweitwichtigste Autor dieses Werkes. Zur Sache sagt Herzog: "Es ist unbegreiflich – mit dieser zwielichtigen Figur zwanzig Jahre ohne ersichtlichen Anlaß!" Er habe zwei der Maunz-Artikel aus der National-Zeitung gelesen, und die seien harmlos gewesen, doch "das entscheidende ist für mich nicht der Inhalt, sondern der Erscheinungsort".

Die Frage ist jetzt, ob es schlüssig ist, den Namen Maunz vom Rücken des Werkes zu entfernen. Sollte er nicht eher als ein Stachel, als ein Exempel der Zwiespältigkeit erhalten bleiben? Müßte im übrigen nicht auch für Maunz bis zu einem gewissen Grade erst einmal eine Unschuldsvermutung gelten? Bislang ist es uns nämlich nicht gelungen, die "vielen Hunderte der Aufsätze von Prof. Maunz" aus dem braunen Blatt, von denen Frey schwärmt, zu Gesicht zu bekommen. Frey hält jetzt alles Material zurück. Verleger Hans Dieter Beck in München sagt, man habe Maunz, einen Vielschreiber, eher bremsen müssen. Könnte es sein, daß Maunz einfach seine überzähligen Manuskripte dem Frey in die Hand drückte? So daß der nun gar kein Interesse mehr daran hat, harmlose Texte zu präsentieren?

Es bleibt, daß Maunz ausgerechnet in diesem Blatt publizierte. Doch auch wenn der Name nun aus dem Kommentar verschwände – in Millionen juristischer Bücher steht er zitiert. Und neuerliche Zitate würden dann wohl so lauten: "Siehe Dürig-Herzog, früher Maunz-Dürig."