Von Joachim Nawrocki

Jeden Abend um 19.10 Uhr geht auf dem Militärbahnsteig von Wünsdorf ein Zug ab, der anderthalb Tage später am bjelorussischen Bahnhof in Moskau ankommt. Die Stimmung ist so düster wie die Umgebung, wenn die letzten Männer der ehemals ruhmreichen Roten Armee in eine ungewisse Zukunft aufbrechen. Denn nach dem "Abzug in Würde", auf den auch deutsche Politiker so viel Wert legen, wartet auf sie eine unwürdige Ankunft. In der Heimat drohen Abrüstung und Wirtschaftskrise; die beruflichen Aussichten sind ungewiß, die Unterkünfte bestenfalls provisorisch.

Etwa 400 Soldaten und Zivilisten verlassen täglich die neuen Länder – mit dem Zug von Wünsdorf, per Flugzeug ab Sperenberg, im eigenen Gebrauchtwagen. Das Material rollt auf der Schiene durch Polen oder nimmt den Seeweg von Mukran auf Rügen, von Rostock oder Wismar. Eine Milliarde Mark zahlt Bonn als Transportkostenzuschuß.

Anfang 1991 hatte die Westgruppe der Truppen der GUS-Staaten (WGT), wie sie seit der Auflösung der Sowjetunion heißt, 337 800 Soldaten und 208 000 zivile Angestellte und Familienangehörige in Deutschland stationiert. Etwa 4000 Kampfpanzer, 8000 Panzerfahrzeuge, 3500 Artilleriesysteme, je 600 Flugzeuge und Hubschrauber und 677 000 Tonnen Munition standen in der früheren DDR. Inzwischen sind neun Zehntel des Personals und des Materials abgezogen worden.

Nur noch 27 000 Soldaten und 32 000 Zivilisten warten auf die Heimkehr: in Wünsdorf, Eberswalde, Sperenberg und Oranienburg. Am 31. August will Generaloberst Matwej Burlakow, der Oberkommandierende der Westgruppe, als letzter russischer Soldat von Sperenberg abfliegen – vermutlich in einem weitaus komfortableren Flugzeug als eine jener Transportmaschinen, in deren Zwischendecks die einfachen Soldaten auf dem blanken Boden hocken.

Zurück bleiben 1580 Liegenschaften, die mit insgesamt 2895 Quadratkilometern etwa so groß sind wie das Saarland – zerfurchte Übungsplätze, verlassene und ramponierte Kasernen, Depots, Bunker, unbewohnbare Wohnungen. Selbst Experten wissen nicht genau, welche Altlasten die Russen hier hinterlassen: Kerosin, Altöl, Blindgänger, Chemikalien, Autoreifen, Schrott und Sperrmüll in unvorstellbaren Mengen – und herrenlose Hunde und Katzen in den leeren Wohnvierteln. Etwa 25 Milliarden Mark, so wollen Gerüchte wissen, werde die Beseitigung der Umweltschäden wohl kosten.

"Wer genau wüßte, was hier wo zurückbleibt, der könnte sich eine goldene Nase verdienen", sagt Generalmajor Hartmut Foertsch, Leiter des Verbindungskommandos der Bundeswehr zur GUS-Armee. "Niemand kann seriös sagen, was das letztlich kosten wird." Die meisten Liegenschaften gehen zunächst in das Bundesvermögen über. Bei Verdacht auf gravierende Schäden, so Foertsch, werde sofort gehandelt – also gefundene Munition entschärft oder Gefahren für das Grundwasser, soweit möglich, behoben. Die Sanierung folgt später, "und es gibt noch nicht einmal eine gesicherte Schätzung, was im Durchschnitt die Räumung eines Hektars kostet". Die Chance, die Schäden mit deutscher Technik, russischer Arbeitskraft und russischem Gerät preiswert zu beseitigen, wurde versäumt. Eine deutsch-russische Kooperation zur Schrottverwertung in Dresden überstand nicht einmal den Probelauf.