Von Jan Feddersen

Manchmal stehen sich die Beteiligten eines möglichen Happy-Ends selbst im Wege. Beispielsweise Silke Schlegge. Die 24jährige Karlsruherin wußte zwei Tage vor ihrer Ankunft in Cottbus noch nicht, wie schnell sie der polnischen Grenze nahe kommen würde. Als eventuelle Nachrückerin im Fach Architektur warf die Dortmunder ZVS ihren Namen in die Lostrommel. Heraus kam Cottbus.

Cottbus? „Damit rechnet ja keiner“, stöhnt die Tochter einer badischen Mittelstandsfamilie. Gott sei Dank weiß sie zu überleben: Aus ihrer Umzugskiste kramt sie ein Gerät, das der am Wohngemeinschaftstisch sitzende Kommilitone aus dem Osten mit einer Miene betrachtet, die Neugier oder auch Irritation vor den Wundern westlicher Errungenschaften ausdrücken könnte: ein Cocktailmixer. Ohne den wäre sie nie in den äußersten Osten Deutschlands gefahren, erklärt sie, an ihm muß sie sich festhalten. „Ein bißchen Lebensstil will man sich doch bewahren.“

Cottbus. Spreewald in der Nähe, ein Theater im Jugendstil, 120 000 Einwohner, gut hundert Kilometer hinter Berlin und so abseitig von der hauptstädtischen Autobahn gen Dresden, daß die Stadt nur dann in der bundesweiten Berichterstattung auftaucht, wenn wieder einmal ein Übergriff auf Asylbewerber zu vermelden ist. Ein Landstrich mit Einsprengseln slawischer Kultur, kalt im Winter, der Braunkohleförderung wegen angeblich unwirtlich das ganze Jahr. „Sorbisch-Sibirien“ hieß die Gegend um Cottbus zu DDR-Zeiten.

Heute sind im Stadtbild überall Baukräne zu sehen, einige überragen die Kirchtürme der Industriemetropole: Mit westdeutscher Kapitalhilfe wird ein Hotel- und Kongreßzentrum gebaut. Von der einstmals blühenden Textilindustrie in Cottbus ist fast nichts übriggeblieben. Zwanzig Prozent der Einwohner sind arbeitslos. Umweltschutz steht bei ihnen nicht sehr hoch im Ansehen. Allzusehr hängt das ökonomische Wohl der Stadt an der Förderung der Braunkohle im Tagebau.

So gesehen-, war es schon ein glücklicher politischer Einfall, daß die brandenburgische Regierung sich 1991 entschloß, die Ingenieurschule in Cottbus in eine reguläre Technische Universität umzuwandeln. Landeswissenschaftsminister Hinrich Enderlein wollte sie als „eine kleine, aber feine Reformuniversität im technischen Bereich“ verstanden wissen, eine „mit fünf kompakten, interdisziplinär arbeitenden Fakultäten“.

Gründungsrektor wurde Günter Spur, ein international anerkannter, agiler Maschinenbauprofessor von der TU Berlin, der zugleich Direktor des dortigen Fraunhofer-Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik ist. Ohne ihn hätte es die TH Cottbus nie gegeben; ohne seinen Elan hätte der Lehrkörper auch nie begriffen, wie sich selbst mit schmalem Budget ein Wissenschaftsbetrieb etablieren läßt.