Von Fredy Gsteiger

Bei Jamel Kalaf klingelt das Telephon neuerdings ein ums andere Mal. Daran wird sich auch sobald nichts ändern, jedenfalls nicht, solange Israelis und Palästinenser darum ringen, das Friedensabkommen von Oslo umzusetzen. Denn Kalaf ist Bürgermeister von Jericho, der verschlafenen Oase, die nun jäh ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Offen ist allerdings, ob der hellgraue Apparat, der im zweiten Stock des Rathauses bimmelt, auch künftig am Netz der staatlichen israelischen Telephongesellschaft hängt. Denkbar ist, daß diese bald ein privater, multinationaler Telephonriese wird.

Ins bisher träge nahöstliche Wirtschaftsleben ist Bewegung gekommen – zumindest in klugen Köpfen und kühnen Plänen. Von einer Freihandelszone, die neben Israel, Jordanien und dem künftigen Palästina bald gar Syrien und den Libanon umfassen könnte, ist die Rede. Vom „Benelux im Orient“ wird gemunkelt, vom „Singapur des Nahen Ostens“, von „Straßen und Stränden des Friedens“.

Der Mann freilich, der im Zentrum des Aufbruchs steht, bleibt bemerkenswert gelassen. Er räumt zwar ein, daß hochfliegende Pläne und gewagte Sprachbilder „durchaus ihr Gutes haben, wenn sie die Phantasie anregen. Wir sollten die Hoffnung nicht durch Ängstlichkeit ersticken.“ Aber Jacob Frenkel sieht seine Aufgabe eher darin, „der wirtschaftlichen Nüchternheit zum Sieg zu verhelfen“. Er ist ein Technokrat. Und er schämt sich dessen nicht.

Kein Ökonom im Nahen Osten sitzt derzeit an so entscheidenden Schalthebeln wie er. Als Gouverneur der israelischen Notenbank – die ähnlich unabhängig wie die Deutsche Bundesbank agiert – ist er zugleich wirtschaftlicher Chefberater der Regierung, sitzt regelmäßig am Kabinettstisch und begleitet den Ministerpräsidenten auf wichtigen Auslandsreisen als dessen „Mann fürs Ökonomische“. Sein Name steht fast täglich in den Schlagzeilen, besonders auffällig, wenn er die Börse einen „aufgeblähten Spekulationsballon“ nennt, den Banken die Leviten liest und Politiker zu mehr Solidität ermahnt. Dann treffen schon mal Drohbriefe ein, und seine Kinder müssen von Leibwächtern beschützt werden. Frenkel läßt sich nicht beirren und arbeitet rastlos weiter. Die Sabbatruhe kennt er nicht; abends arbeitet er oft so lange, daß er in Jerusalem im Hotel übernachtet, um sich die dreiviertelstündige Heimfahrt nach Tel Aviv zu ersparen.

Vor zweieinhalb Jahren hat der 51jährige das Gouverneursamt angetreten, geholt von der damaligen rechtsnationalen Regierung Schamir, die sich in ihrer Wirtschaftspolitik völlig verheddert hatte und die Inflation zeitweilig auf 500 Prozent hochschnellen ließ. Achtzehn Jahre zuvor hatte Frenkel als junger Professor seine Heimat „mit zwei Koffern“, wie er gern erzählt, gen Amerika verlassen. Seine lange Abwesenheit machte ihn in den Augen vieler Rechter ungeeignet für das machtvolle Amt.

Doch gegen Frenkels Vorzüge stänkerten sie vergeblich an: Erstens ist er als Parteiloser nicht in die Ränkespiele israelischer Politik verwickelt. Zweitens verfügt er als ehemaliger Wirtschaftsprofessor in Chicago und Verfasser von fünfzehn Fachbüchern über solides Rüstzeug. Drittens schließlich saß er als Chefökonom des Weltwährungsfonds (IWF) schon am Krankenbett so manchen siechen Staates und kennt Hinz und Kunz in der Weltfinanz persönlich. David Kimche, der zum Geschäftsmann gewandelte ehemalige Chef des Geheimdienstes Mossad, nennt ihn den „brillantesten Ökonomen, den ich kennengelernt habe“, um gleich anzufügen: „Aber ob er die Wirtschaft des Landes wieder aufs Gleis bringen kann, bleibt abzuwarten.“ Frenkels ehemaliger Lehrer, Milton Friedman, soll ihm abgeraten haben, den heiklen Posten anzutreten. Doch Frenkel sagte zu, jene Wirtschaft zu führen, die er zuvor als IWF-Verantwortlicher harsch kritisiert hatte – obwohl sein neues Gehalt gerade noch zwanzig Prozent der üppigen IWF-Bezüge betrug.