Das gefährlichste an Flugreisen ist der Weg zum Flughafen. Die Statistik belegt: Mit dem Auto unterwegs zu sein ist weit gefährlicher als mit dem Flugzeug. Und doch leidet jeder dritte an Flugangst, während er sich im Auto sicher und geborgen fühlt.

Unser Gefahrenmelder im Gehirn schlägt gelegentlich blinden Alarm und bleibt andererseits unbegreiflich ruhig, wenn tatsächliche Gefahren drohen: wenn Eltern ihre Kinder zwar auf der Straße spielen lassen, sie aber nicht in die vermeintlich asbestverseuchte Schule schicken, unsere Gesellschaft Haschisch verteufelt, aber dem Alkohol hemmungslos frönt, und Patienten aus Angst vor HlV-verseuchten Blutpräparaten notwendige Operationen verschieben. Rational begründet sind solche Entscheidungen nicht, sie sind vielmehr von irrationalen Ängsten diktiert.

Wissenschaftler treibt dieses ihrem logischen Denken nicht zugängliche Verhalten zur Verzweiflung. Auch wenn sie uns vorrechnen, wie gefährlich oder ungefährlich etwas ist – es nützt nichts, kaum jemand interessiert sich dafür. Die Bevölkerung ignoriert ihre Risikoanalysen oder interpretiert sie nach Belieben. Also versuchen die Forscher wenigstens den Mechanismen auf die Spur zu kommen, die unserem Risikobewußtsein zugrunde liegen. Aus einer Reihe von Studien hat die New York Times nun einige Regeln herausgeschält, an denen sich unsere Psyche zu orientieren scheint:

  • Selbstgewählte Gefahren erscheinen geringer als aufgezwungene – die Risiken bestimmter Sportarten wie Skifahren oder Reiten gehen wir bewußt ein, dagegen wehren wir uns gegen Konservierungsstoffe in unserer Nahrung.
  • Prinzipiell kontrollierbare Risiken sind akzeptabler als solche, auf die wir scheinbar keinen Einfluß haben – fettes, nährstoffarmes Essen ist beliebt, während Leitungswasser auch dann gemieden wird, wenn die Trinkqualität garantiert ist.
  • Natürliche Risiken werden eher hingenommen als von Menschen geschaffene – in der Erde vorkommendes Radon erscheint uns harmlos im Vergleich zur selben Strahlungsintensität aus künstlichen Quellen.
  • Katastrophen alarmieren uns mehr als der alltägliche Wahnsinn – werden nach einem Schiffsunglück Giftbeutel oder Ölklumpen an die Strände geschwemmt, ist die Aufregung groß, während die schleichende Vergiftung der Meere kaum zur Kenntnis genommen wird.
  • Risiken, die von schwer faßbaren Techniken ausgehen, werden eher wahrgenommen als die von vertrauten Techniken – eine Müllverbrennungsanlage mit relativ geringen Emissionen wird bekämpft, der Autoverkehr hingegen verteidigt.
  • Schlechte Nachrichten werden eher geglaubt als positive – Stürme und Überschwemmungen gelten als Beweis für den Treibhauseffekt, doch die geringer gewordene Verschmutzung des Rheins halten viele für Propaganda der Industrie.

Soll das heißen, daß wir alle Risikoeinschätzungen den Experten zu überlassen haben, da nur sie die Gefahren richtig beurteilen können? Daß wir unverbesserliche Ignoranten sind, wenn wir der Logik der Wissenschaftler nicht folgen? Wohl kaum. Die Studien über das Risikobewußtsein gehen vielmehr am eigentlichen Problem vorbei. Die Frage müßte nicht lauten, wovor wir Angst haben, sondern, warum.

Angst ist ihrem Wesen nach irrational. Zu meinen, man könne ihr allein mit wissenschaftlichen Statistiken begegnen, ist ein Trugschluß. Auch wenn unsere Furcht irrational ist, muß sie dennoch eine Ursache haben. Angst kann Folge einer psychischen Krankheit sein, sie mag durch schlechte Erfahrung entstehen, sie kann mit einer Kampagne gezielt hervorgerufen werden, sie ist mitunter Folge einer Massenhysterie oder einfach einer politischen Mode. Mehr Aufschluß über unser Risikobewußtsein würden nicht Risiko-, sondern Angstanalysen geben.

Christian Weymayr