Von Gisela Dachs

Jericho

Noch trägt Jamal Safi zivile Kleidung: Jeans und ein schwarzes T-Shirt mit Arafats Konterfei; darunter prangt in goldgelber Schrift "Palestine". Noch verbringt er die Tage in einem der fünf neuen PLO-Büros in Jericho, wo "die Leute Rat suchen, wenn es um den Kauf eines Autos geht oder Streit um ein Grundstück gibt". In wenigen Wochen, so hofft der dreißigjährige Palästinenser, wird er zur palästinensischen Polizeitruppe in Jericho gehören, vielleicht sogar zu ihrer Führung.

Seine Ausbildung in einem jordanischen Trainingslager hat er gerade abgeschlossen. Abu Amman wie Jassir Arafat genannt wird, habe dort persönlich die angehenden Polizisten aufgesucht, erzählt Jamal voller Stolz. Seither hängt im Wohnzimmer seiner Eltern ein gerahmtes Farbphoto, das ihn gemeinsam mit dem PLO-Chef zeigt. Zwei Jahre habe er im Gefängnis gesessen, doch das sei Vergangenheit. Jetzt gehe es um den Frieden, und den möchte er in Jericho wahren helfen. Insgesamt zwölf Polizeieinheiten wird es geben, weiß Jamal, mit verschiedenen Zuständigkeiten wie Sicherheit, Drogen und Verkehr (auch wenn es bislang noch keine einzige Ampel in der Stadt mit 15 000 Einwohnern gibt). Ob er wisse, wann er zur Waffe greifen dürfe? Jamal lacht zunächst und sagt dann: "Wenn es wirklich große Schwierigkeiten gibt."

Noch muß über die genaue Anzahl, über die Rechte und Pflichten der neuen Sicherheitskräfte sowie über die Art ihrer Bewaffnung verhandelt werden. Doch nach dem Teilabkommen der vergangenen Woche in Kairo hofft Jamal, daß sich der Alltag in Jericho nun bald ändern werde. Seit dem 13. Dezember, als der Abzug der israelischen Armee eigentlich beginnen sollte, dann aber auf zunächst unbestimmte Zeit verschoben wurde, hat auch in Jericho die Unterstützung für den Friedensprozeß nachgelassen. Statt 90 Prozent seien heute nur mehr 55 Prozent der Bevölkerung auf der Seite Arafats. Sein Portrait, das nach dem historischen Händedruck in Washington in vielen Läden prangte, ist vielerorts wieder abgehängt worden. Geblieben sind die zahllosen palästinensischen Flaggen. Zwar hat die Vereinbarung in Kairo dem PLO-Chef in Jericho wieder ein wenig Glaubwürdigkeit eingebracht, aber solange noch die israelische Flagge über der Polizeistation flattert, bleibt Skepsis.

Doch der PLO-Mann Jamal Safi, der in Ostjerusalem Wirtschaft studiert hat, läßt sich den Optimismus nicht rauben. Natürlich ist auch er enttäuscht, daß der künftige autonome Jericho-Bezirk nur etwa 55 Quadratkilometer umfassen soll, wo doch die Palästinenser ein Gebiet von 345 Quadratkilometern bis zur jordanischen Grenze gefordert hatten. Die exakte Größe soll erst bei dem nächsten Treffen zwischen Jassir Arafat und Ministerpräsident Rabin festgeschrieben werden. Aber immerhin weiß Jamal Safi auch Erfolge der palästinensischen Delegation zu nennen: Der Zugang von Jericho zur Allenby-Brücke, zu zwei Wallfahrtsorten sowie zum Toten Meer ist den Palästinensern zugesagt. Die Straßen Jerichos werden sich unter palästinensischer Kontrolle befinden, doch sollen gemeinsame Patrouillen stattfinden, wobei das palästinensische Fahrzeug dem israelischen hinterherfährt.

Mit dem Auto fährt Jamal Safi das künftige palästinensische Gebiet ab und schmiedet Zukunftspläne. Auf den großen Wiesen, wo jetzt noch Kamele und Esel weiden, könne überall gebaut werden. Zwar hätten sich die Grundstückspreise ungefähr verdreifacht, doch mögliche Investoren gebe es genug, sagt Jamal, "die Gelder fließen allerdings spärlich, solange es noch keine klaren Abkommen gibt. Noch sind wir ein kleiner Ort, aber wer weiß, vielleicht haben wir schon in ein paar Jahren mehrere hunderttausend Einwohner hier."