Von Fredy Gsteiger Altdorf (Uri)

Der Urlauber aus dem Norden, bleich und sonnenlüstern, kann den Kanton Uri in zwanzig Minuten hinter sich lassen, wenn er kräftig aufs Gaspedal tritt. Ausfahrt Altdorf, Rasthof, Ausfahrt Erstfeld, Ausfahrt Wassen, Ausfahrt Göschenen, rein in die Tunnelröhre des Gotthard und kurz darauf wieder raus: Alpensüdseite, Tessin. O sole mio!

Dazwischen freilich wohnen Menschen, in Altdorf, in Erstfeld... Es sind 34 000 Urner und damit entschieden zuwenig, um gesamteuropäisch ins Gewicht zu fallen. Vom Verkehr terrorisiert, hißten sie schwarze Trauerflaggen, als anderswo der zehnte Geburtstag des Gotthard-Straßentunnels gefeiert wurde, dieser kürzesten Verbindung zwischen Nord und Süd. Die Bergbewohner haben genug. Urner und andere Schweizer, die in den Bergen wohnen, erreichten mittels Volksinitiative, daß die Eidgenossen am Wochenende darüber entscheiden können, ob der gesamte Transitgüterverkehr auf die Schiene gezwungen wird. Eine helvetische Volksabstimmung von europäischer Tragweite. Als die Initiative gestartet wurde, standen ihr lediglich 42 Aktivisten aus dem Links-Grünen-Lager Pate, erinnert sich der Walliser Komiteepräsident Andreas Weißen. Lustlos wurde sie von Regierung und Parlament diskutiert und dem Volk zur Ablehnung empfohlen. Noch vor wenigen Wochen räumte kaum jemand dem „radikalen Vorstoß der roten Ökoterroristen“ die geringste Chance ein. „Sollen wir“, spottete Verkehrsminister Adolf Ogi, „rings um unser Land einen Vorhang ziehen und darauf schreiben: Psst! Die Schweiz schläft, bitte nicht stören?“

Inzwischen ist dem Sonnyboy-Magistraten das Lachen vergangen. Ogi („Urgestein ist mir näher als Asphalt“) merkt, welche politische Lawine seine Landsleute auslösen könnten. Bewußt beleben sie den Mythos Alpen. Ogi seinerseits warnt vor Strafaktionen der Europäischen Union, falls die Eidgenossen vor ausländischen Brummis den Schlagbaum herunterlassen. Er will zwar „hundert Prozent des Schwerverkehrs auf die Schiene bringen“, aber ohne Zwang. „Wenn er so auf die Freiwilligkeit zählt, warum ersetzt er nicht die Steuern durch eine Kollekte?“ witzelt ein Urner Bauer.

Spätestens seit einem aufsehenerregenden Schlagabtausch im Schweizer Fernsehen haben die Initiativ-Befürworter Oberwasser. Der telegene Ogi wirkte unsicher, beschuldigte seine Widersacher, sie versuchten sich an „DDR-Methoden“, und wurde gar ausfällig gegenüber den verkehrsgeplagten Urnern: Sie sollten sich nicht beklagen; ihnen werde doch alles aus Subventionstöpfen bezahlt. Ein Aufschrei der Empörung hallte nicht nur durchs Reußtal. Den Berglern fliegen mehr und mehr auch die Herzen der Flachländer zu. Der Präsident der wirtschaftsfreundlichen FDP, Franz Steinegger, ist ebenfalls, anders als seine Partei, dafür. Denn er ist Urner und sorgt sich um die Zukunft seines kleinen Sohnes Benjamin. Mit Frau und Kind und Hund ließ er sich demonstrativ in seinem heimatlichen „Transitschlitz“ am Autobahnrand ablichten. Ogis Sprecher, Ulrich Sieber, klagt: „Wir können leider die Debatte nicht emotionalisieren. Denn: Wer ist schon gegen die Alpen?“

Oben im Reußtal steigt die Erregung von Tag zu Tag – auch wenn der Fremde wenig davon bemerkt. Die Urner sind konservativ, schweigsam und hart im Nehmen. Die Winterurlauber immerhin, die dieser Tage in Göschenen am Fuß des Gotthard-Passes anhalten, um sich die ausgestellten Bergkristalle im Andenkenladen anzuschauen, finden unter dem Scheibenwischer eine Kampagnezeitung. Vom Lastwagenwahn ist da die Rede. Täglich brausen 2500 Lkw (jeder zweite davon im Transit) durch das Tal – und Jahr für Jahr werden es gut zehn Prozent mehr. Immer mehr sind es auch am Großen St. Bernhard, am Simplon und am San Bernardino.

Vor einem Jahrzehnt noch rollte fast der gesamte Transitgüterverkehr auf Schienen durch die Schweiz; heute sind es immerhin noch vier Fünftel. Aber allein in den vergangenen drei Jahren hat die Eisenbahn 25 Prozent eingebüßt, die Straße aber um 40 Prozent zugelegt. Freie Wahl der Transportmittel, tönt es den Urnern aus Brüssel entgegen – als ginge es um ein Menschenrecht getreu dem neueuropäischen Schlachtruf: Liberté, Egalité, Mobilité! Die Schweizer haben nun die Chance, Europas Verkehrspolitikern von Skandinavien bis Sizilien ein klares Signal zu setzen, endlich Ernst zu machen mit dem Slogan „Güter gehören auf die Schiene“.