Von Dietrich Willier

Sarajevo

Kaum fünf Minuten hatte Saras Kriegshochzeit im Standesamt von Sarajevo gedauert. Dann stand die junge serbische Sprachwissenschaftlerin wieder hinter dem Schalter ihres Büros im Rathaus, beglaubigte Geburts- und Sterbeurkunden, half Flüchtlingen bei ihrem Antrag auf eine der fensterlosen Wohnungen in der kalten, ausgehungerten Stadt. Mirzat, ihren muslimischen Ehemann, würde sie erst am Abend wiedersehen und eine letzte Nacht mit ihm verbringen. Für eine Hochzeitsfeier fehlte beiden das Geld und vor allem die Freude.

Denn schon am Morgen war ein unscheinbarer, älterer Mann in Saras Büro an der Marschall-Tito-Straße aufgetaucht. Wortlos hatte er ihr einen blauen Umschlag zugesteckt. Sara ahnte den Inhalt. Am nächsten Vormittag, so las sie, am Sonntag zwischen zehn und zwölf Uhr solle sie sich bereithalten, alles sei geregelt: Sie werde abgeholt und im Austausch gegen eine muslimische Familie über die Brücke in den serbisch besetzten Teil Sarajevos nach Grbavica gebracht. Sara ist dann doch geblieben. Denn nur eine Stunde nach ihrer Hochzeit an jenem 5. Februar richtete eine Granate auf dem überfüllten Marktplatz neben der Tito-Straße, gleich hinter dem Haus ihrer Eltern, ein entsetzliches Massaker an. Die Bilder von den Toten gingen um die Welt; seither droht die Nato den Serben mit Luftangriffen. Am nächsten Tag kam niemand, um Sara abzuholen.

"Ich weiß nicht mehr, was richtig für mich ist", sagt die junge Frau ein paar Tage später und dreht nervös am Knopf ihres kleinen Rundfunkempfängers. Im muslimischen Privatsender Hyatt diskutieren Hörer das Nato-Ultimatum. "Ich töte alle Serben", kündigt eine schrille Frauenstimme an. "Wann gehst du endlich", will eine andere Frauenstimme über Rundfunk von ihrem serbischen Ehemann wissen. "Irgend etwas Schreckliches liegt in der Luft, seit dem Massaker wird die Situation in der Stadt von Tag zu Tag aufgeheizter", erzählt Saras Mutter. Über Radio Hyatt würden die muslimischen Soldaten in Liedern zum heiligen Krieg aufgefordert. "Ich habe Angst", sagt die Frau, "viele Serben haben ihre Namensschilder an den Hauseingängen und Wohnungstüren entfernt." Am Abend fordert ein Kommentator im bosnischen Staatsrundfunk dazu auf, die Gunst der Stunde und einen eventuellen Luftangriff der Nato zu nutzen, um die Serben ganz aus Bosnien zu vertreiben.

In einem der wenigen noch unzerstörten Bürogebäude in der ehemaligen Straße der jugoslawischen Volksarmee bittet ein Mann, der lieber anonym bleiben will, ins Hinterzimmer einer Privatbank. Hier gebe es keine ungebetenen Ohren, lacht der joviale Rechtsanwalt. Bis zum Herbst 1992 war der Kroate Mitglied der ersten, unabhängigen bosnischen Regierung, dann wendete er sich ab von der offiziellen Politik. Nur seine intimen, verläßlichen Informationsquellen hat er behalten: Die Blockade von Sarajevo, so berichtet er leise, sei nur zu einem Teil die Folge der serbischen Aggression. Auch auf der Seite des bosnischen Präsidiums gebe es Schuldige.

Zum Beispiel Ejup Ganić, die graue und einflußreiche muslimische Eminenz. Ganić habe zusammen mit dem einstigen bosnischen Generalstabschef Sefer Halilovic in eigenmächtigen Verhandlungen mit der Unprofor-Kommandantur darauf bestanden, nur das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) dürfe Nahrungsmittel und andere Hilfsgüter in die eingeschlossene Stadt bringen. Damit habe sich die bosnische Regierung die Kontrolle über alle Hilfslieferungen verschafft. Und bis heute würde etwa die Hälfte vor allem der hochwertigen Lebensmittel von eben dieser Regierung verschoben, in Magazinen wie eine Ersatzwährung gehortet und über ortsansässige Privatunternehmen und Hilfsorganisationen zu Wucherpreisen an die notleidende Bevölkerung verkauft.