Von Petra Kipphoff

Fristenlösung und Blauhelme, Autobahngebühren und Karenztage: über dies alles muß und soll der Bundestag entscheiden. Im Namen des Volkes. Immer wieder. Aber dann kommt der Festtag. Nur einmal. Nein, nicht der Tag vor der Sommerpause, an dem die Attachéköfferchen in die Ecke fliegen. Sondern der Tag, an dem dieses Parlament Geschichte machen wird, Kunstgeschichte. Dies wird der 25. Februar 1994 sein. An diesem Tag soll um neun Uhr morgens eine einstündige Debatte beginnen. Danach Abstimmung, ohne Fraktionszwang. Das Thema: die temporäre Verhüllung des Berliner Reichstagsgebäudes durch den amerikanischen Künstler Christo.

Helmut Kohl hat selber dafür gesorgt, daß die Entscheidung, die den Ältestenrat ratlos gelassen hatte, nun ins Plenum kommt. Er ist ein Gegner der Verhüllung, sah aber keinen anderen Ausweg mehr. Das gnadenlose, wenngleich höfliche Insistieren Christos, der seit einem Jahr öfter in Bonner Abgeordnetenbüros anzutreffen ist als in seinem New Yorker Studio, hatte den Kanzler in Verlegenheit gebracht. Womit er und einige Parlamentarier nur das erfahren haben, was ein Teil der Qualität von Christos Arbeit ist und ja, wenn wir es recht sehen, auch den guten Politiker auszeichnet: das Beharren auf der richtigen Sache.

Der Reichstag also im Bundestag. Nicht, daß wir uns oder der Regierung in Zukunft parlamentarische Abstimmungen über Fragen der Kunst wünschen sollen. Gott bewahre! Aber diesmal geht es, da die Bundestagspräsidentin nun Hausherrin des Reichstags ist, um einen ganz besonderen Fall. Er könnte dazu taugen, die Politiker und die Deutschen einmal so gelassen und aufgeschlossen zu zeigen, daß den Karikaturisten der Stift aus der Hand fiele.

Straps- oder Seidenstrumpf-Affären wie in England sind in Bonn längst out. Hier läßt man statt dessen das geschmeidige, silberfarbene Kunststoffmaterial durch die Finger gleiten, mit dem der Reichstag verhüllt werden soll. 100 000 Quadratmeter. Hergestellt in einer süddeutschen Fabrik, in der auch schon das Material für die anderen großen Christo-Aktionen angefertigt wurde: für die rosarote Umkränzung der Inseln vor Florida, die champagnerfarbene Verhüllung des Pariser Pont-Neuf und die 3000 azurblauen und sonnengelben Schirme in Japan und Kalifornien.

Die Idee zum "Wrapped Reichstag, project for Berlin" wird von Christo seit über zwanzig Jahren verfolgt. Im Jahr 1971 hatte ihn Michael Cullen, inzwischen sein Mitarbeiter und der gründlichste Kenner des Gebäudes wie seiner Geschichte, auf den Reichstag aufmerksam gemacht. Die Tatsache, daß er haarscharf an der Mauer lag, gehörte für Christo, der sich 1957 dem kommunistischen Terror in Bulgarien durch Flucht entzogen hatte, zum Reiz des Projekts. Es hat für ihn durch die Kehrtwende der Weltgeschichte im Jahr 89 den Sinn nicht verloren, sondern nur eine andere Bedeutung bekommen. Genauso wie für uns. Denn dieses Haus, das seit Kriegsende bloß als Monument der ersten deutschen Demokratie dasteht, den Fraktionen für gelegentliche demonstrative Ausflüge nach Berlin gut war und im übrigen eine Dauerausstellung über die neuere deutsche Geschichte beherbergte: es soll nach dem Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin auch wieder der Sitz des Parlaments sein. Drei Gewinner gab es bei dem Architektenwettbewerb, der für die neue Nutzung des alten Gebäudes ausgeschrieben war. Keiner sah sehr gut aus, und einer, der Engländer Norman Foster, will das Gebäude gar unter ein riesengroßes Glasdach stellen.

Muß die deutsche Demokratie unter eine Glasglocke gesetzt werden? Oder kann sie sich, auf dem Weg zwischen den Hauptstädten, für einen Moment auch ein wenig von jener spielerischen Nachdenklichkeit leisten, die aus dem Reich der Kunst kommt? Daß mit einer Kunst-Aktion die Würde des Hauses verletzt werde, können eigentlich nur die behaupten, die lieber verschleiert lassen wollen, was Christos Aktion ohne Polemik und Didaktik enthüllen würde: die komplizierte Geschichte des ersten in allgemeiner Wahl bestimmten deutschen Parlaments, das sich hier, gegen den Willen des Kaisers, seine Kommerzienratsvilla hatte bauen lassen. Einen "Gipfel der Geschmacklosigkeit" nannte Wilhelm II. das Gebäude, das ihm aus anderen Gründen mißfiel als dem Demokraten und Ästheten Harry Graf Kessler, den die Erinnerung an eine "schlecht imitierte Augsburger Truhe" nicht zu erfreuen vermochte. Trotz des politisch wünschenswerten Inhalts.