HILDESHEIM. – Das Landgericht Hildesheim verhandelt einen Doppelmord. Ein Kriminalbeamter steht unter Beschuß. "Herr P., für die Zukunft: Drücken Sie sich bitte so aus, daß Sie verstanden werden, Mensch!" herrscht Rechtsanwalt Uwe Maeffert den Mann an. Der Polizist wirkt wie ein begossener Pudel. Es hat den Anschein, als säße er auf der Anklagebank. Dabei ist der Kriminalbeamte nur als Zeuge geladen, um Auskunft über die Vernehmung der wirklich Angeklagten zu geben. Weil er sich an das mehr als zwei Jahre zurückliegende Verhör aber nicht mehr erinnern kann, auch keinen Einblick in das Vernehmungsprotokoll genommen hat, muß er ein stundenlanges Trommelfeuer von sechs Anwälten über sich ergehen lassen. Die Angeklagten schauen zu und schweigen – an diesem 107. Verhandlungstag genauso wie in allen Verhandlungen zuvor: die Brüder Dietmar (31), Manfred (28) und Ludwig (27) Jüschke.

Den dreien wird ein Verbrechen zur Last gelegt, das im Oktober 1991 Niedersachsen in Atem gehalten hat. Die Holzmindener Polizisten Jörg Lorkowski und Andreas Wilkending waren durch einen nächtlichen Notruf auf einen einsamen Parkplatz im Solling gelockt und erschossen worden. Mit Hilfe des aufgezeichneten Wortlauts ("Guten Tach, Meier. Ich hab’, äh, ’n Wildunfall gehabt") konnte Dietmar Jüschke als Anrufer identifiziert werden. Daß er die tödlichen Schüsse abgegeben hat, steht so gut wie fest. Was ihn aber dazu veranlaßte und insbesondere welche Rolle sein Bruder Manfred gespielt hat, ist immer noch ebenso rätselhaft wie zu Beginn des Prozesses im September 1992.

Die Tat kam ohnehin erst nach dem 100. Verhandlungstag zur Sprache. Entgegen den Stammtischforderungen nach einem "kurzen Prozeß" hat sich der Prozeß zu einem der längsten entwickelt. Bis Januar 1995 sind bereits Zeugen vorgeladen. Aber ob es dann auch schon zum Urteilsspruch kommt, ist derzeit mehr als fraglich. Denn der Prozeß wird von Anbeginn bestimmt durch einen Dauerclinch zwischen den Verteidigern der schweigenden Angeklagten und den übrigen Rechtsvertretern.

Um die 200 Anträge haben die Anwälte schon gestellt – von Befangenheitsanträgen gegen den Vorsitzenden Richter Ulrich Schmidt, der eine Frage der Verteidigung nicht zugelassen und vermeintlich unzulässige Presseauskünfte gegeben hatte, bis hin zu dem provokativen Antrag, alle 1300 Einwohner der Gemeinde Bredenborn, dem Wohnort der Jüschke-Brüder, vorzuladen, um klären zu lassen, ob jemand gesehen hat, wie nachts alle drei gemeinsam das Haus verlassen hätten.

Außerhalb des Gerichtssaals setzt sich die Schlacht fort. Nicht nur gegen die beteiligten Staatsanwälte haben die Verteidiger eine Fülle von Dienstaufsichtsbeschwerden eingeleitet, sondern auch gegen die Pressesprecher der Staatsanwaltschaft und des Landgerichts. Und auch vor Strafanzeigen schreckten sie nicht zurück, um sich etwa gegen eine vermeintliche Verleumdung durch den Sprecher der Anklagebehörde zu verwahren.

Auch an diesem 107. Verhandlungstag ist die Stimmung äußerst gereizt. Selbst vermeintlich harmlose Fragen wie die, wann und ob eine Pause eingelegt werden soll, ziehen aggressive Rededuelle nach sich. Einzig Richter Schmidt scheint die Ruhe zu bewahren. Im Schneckentempo arbeitet er sich durch den Aktenberg, bereitwillig auf fast alle Einlassungen der Beteiligten eingehend... "Wo sind wir denn hier eigentlich?" schimpft der Vertreter der Nebenklage, Christian Kauffmann, als Verteidiger Maeffert immer wieder den vorgeladenen Kriminalbeamten ins Kreuzverhör nimmt. "Sie haben heute nicht Ihren besten Tag, Herr Kauffmann", giftet Maeffert zurück.

Kauffmann, der die Eltern und Ehefrau des getöteten Polizisten Lorkowski vertritt, spricht von "Kasperletheater". In Holzminden, dem Wohn- und Einsatzort der erschossenen Beamten, werde das Verfahren mit wachsendem Unverständnis verfolgt. "Man kann niemandem mehr transparent machen, was hier abläuft. Das Verständnis für die Rechtsstaatlichkeit geht verloren." Und der Vorsitzende Richter trage mit seiner "grenzenlosen Geduld" bei der Zulassung von Anträgen und Erörterungen dazu bei, daß sich der Prozeß so schleppe, meint Kauffmann. Die Anwälte der Gegenseite sind sich dagegen in ihrem Urteil über Ulrich Schmidt nicht so einig, wie die Befangenheitsanträge vermuten lassen. "Ich bin mit der Verhandlungsführung sehr einverstanden", sagt etwa Steffen Stern, der Verteidiger Manfred Jüschkes.