ZEIT: Wie bekamen Sie die Akte Wehner auf den Tisch?

Slavinas: Ich mußte 1943 viele Dossiers über deutsche Emigranten lesen.

ZEIT: Welchen Eindruck hat die Akte Funk alias Wehner bei Ihnen hinterlassen?

Slavinas: Überhaupt keinen. Diese Akte war so wie die anderen auch, sie hatte nichts Außergewöhnliches. Nach meiner Erinnerung lieferte Funk seine Berichte über andere Genossen als Mitglied irgendeiner Kontrollkommission. Allerdings war aus der Akte auch zu ersehen, daß Funk, während er sich in Schweden aufhielt, aus der Kommunistischen Partei Deutschlands ausgeschlossen worden war, weil er die Sache des Kommunismus verraten habe.

ZEIT: Sie haben nicht nur die Akte Wehner gelesen, sondern Hunderte ähnlicher Protokolle. Wie sind, nach Ihrer Kenntnis, diese Bezichtigungen von Genossen durch Genossen zustande gekommen?

Slavinas: Beim Verhör wurden Methoden angewandt, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann. Die NKWD-Beamten durften einen „Zeugen“ ohrfeigen. Nicht foltern, wohl aber ihm ins Gesicht sagen, daß er ein Nichts sei. Man durfte ihn vulgär beschimpfen, demütigen, ihm drohen, er würde nie mehr die Lubjanka verlassen. Erst dann wurden dem „Zeugen“ Protokolle vorgelegt, in denen Genossen und Freunde ihn als „Verräter“, „Trotzkisten“, „Gestapoagenten“ beschuldigten. Nun sah der „Zeuge“, der ja gar keiner mehr war, nur noch den Ausweg, seinerseits die Denunzianten zu bezichtigen oder solche zu nennen, die nicht im Lande, schon tot oder verhaftet waren.

So hat sich, wie ich nachlesen konnte, sogar der litauische KP-Vorsitzende Zigmar Angaretis, ein angesehener Ältbolschewik, verhalten. Er wurde Nacht für Nacht verhört, durfte aber noch zurück in sein Hotelzimmer. Nach seiner Verhaftung gab es zehn Tage lang keine Verhörprotokolle. Es ist mir klar, daß er in dieser Zeit gefoltert wurde. Danach gestand er, Mitglied einer rechtstrotzkistischen Terroristengruppe zu sein. Er bezichtigte auch andere Genossen der Mitgliedschaft. 1940 wurde er hingerichtet. Diesem Schicksal ist Wehner entgangen.