Von Volker Ullrich

Ich habe die Kraft nicht mehr. Die Kraft nicht mehr zu kämpfen, die Kraft nicht mehr zum Traum. Wer keine Kraft zum Traum hat, hat keine Kraft zum Leben... Ich will nicht mehr." Das sagt Hinkemann, die Hauptfigur in Ernst Tollers gleichnamigem Stück von 1921/22, bevor er zum Strick greift. Am Ende hatte auch Toller die Kraft nicht mehr zum Leben. Am 22. Mai 1939 erhängte er sich, gerade 45 Jahre alt, in einem New Yorker Hotel mit dem Gürtel seines Bademantels.

Ernst Toller war in den zwanziger Jahren einer der bekanntesten deutschen Dramatiker, bekannter noch als Georg Kaiser und Bertolt Brecht. Sein Werk wurde in viele Sprachen übersetzt; die größten Bühnen der Welt spielten seine Stücke. Heute ist er fast vergessen – zu Unrecht, wie schon die biographische Skizze von Wolfgang Rothe (1983 in der Reihe "rowohlts Monographien") und wie erst recht die jetzt vorliegende erste große Biographie über ihn deutlich macht.

Für ihren Autor, den in London lehrenden Germanisten Richard Dove, ist Tollers Leben "in vielerlei Hinsicht beispielhaft" – beispielhaft weniger in dem, was er schrieb, als in dem, was er tat. Seine Biographie, sagt er, sei "interessanter als sein Werk". Tatsächlich sind bei Toller, wie schon Rothe zeigte, Leben und Werk aufs engste miteinander verknüpft. Er war immer beides: Schriftsteller und politischer Aktivist.

Doves Biographie, die viele bislang unbekannte Briefe, dazu Interviews mit Zeitgenossen, unter anderem mit Tollers Verleger Fritz Landshoff, heranzieht, erschien 1990 unter dem Titel "He was a German". Die deutsche Ausgabe, rechtzeitig zum 100. Geburtstag des Dichters Ende vergangenen Jahres veröffentlicht, macht daraus in Anspielung auf dessen Autobiographie ("Eine Jugend in Deutschland"): "Ein Leben in Deutschland" – eine Irreführung, denn immerhin verbrachte Toller die letzten sieben Jahre seines kurzen Lebens im Exil, und auch in den Jahren zuvor unternahm er immer wieder längere Reisen ins Ausland, nach Amerika und in die Sowjetunion zum Beispiel, über die er in seinen Reportagen "Quer durch" (1930) berichtete.

Quer durch – das könnte auch als Motto über dem Lebensweg Ernst Tollers stehen, den Dove mit großer Sympathie, aber wohltuend nüchtern nachzeichnet. Zeitlebens litt der Sohn eines jüdischen Getreidehändlers aus Samotschin in der preußischen Provinz Posen darunter, ein Außenseiter zu sein, nicht wirklich dazuzugehören. In seiner Autobiographie, 1933 im ersten Jahr seines Exils erschienen, hat Toller dieses Gefühl der Fremdheit als die stärkste Empfindung seiner jungen Jahre beschrieben. Wie viele seiner jüdischen Altersgenossen im Kaiserreich suchte er es durch Überanpassung zu kompensieren. Im August 1914 meldete sich der Zwanzigjährige freiwillig zum Kriegseinsatz – getrieben von dem übermächtigen Wunsch, endlich einmal vorbehaltlos "aufgenommen zu werden in die nationale Gemeinschaft, aus der die Juden immer ebenso subtil wie erfolgreich ausgegrenzt worden waren".

Vierzehn Monate, von März 1915 bis Mai 1916, war Toller an der Front. Er erlebte die Schrecken des Stellungskrieges. Aus dem idealistischen Kriegsfreiwilligen wurde ein radikaler Kriegsgegner. Im Januar 1917 als nicht mehr "kriegsverwendungsfähig" aus dem Heer entlassen, gründete er in Heidelberg einen pazifistischen Studentenbund. Dove zeigt, wie stark Toller in dieser Phase von Gustav Landauer, vor allem von dessen "Aufruf zum Sozialismus", beeinflußt war. Daß, wer die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern will, zunächst sich selbst ändern muß – diese Botschaft läßt Toller, ganz im Sinne Landauers, seinen Protagonisten Friedrich in seinem Stück "Die Wandlung" (1917/18) verkünden. Das expressionistische Stationendrama par excellence, in dem Toller auch seine eigene Wandlung als Läuterungsprozeß beschrieb, wurde im September 1919 in Berlin mit großem Erfolg uraufgeführt.