Von Freddie Röckenhaus

Am vergangenen Samstag nachmittag, eine halbe Stunde vor Spielbeginn, hat sich das ungewohnte Herzpochen bei Willi Lemke wieder gelegt. Zur schönen Melodie des südamerikanischen Gassenhauers „Guantanamera“ haben die Fans von Werder Bremen auf der Stehtribüne den Freispruch angestimmt: „Es gibt nur einen Willi Lemke!“ Dem Nichtfußballgläubigen mag die Aussage dieses Satzes etwas dürr klingen – in der Rhetorik des Stadions aber ist er eine machtvolle Absolution.

Volkes Urteil, weiß Willi Lemke, seit dreizehn Jahren Manager beim amtierenden deutschen Fußballmeister Werder Bremen, hätte auch ganz anders lauten können. Und was wäre dann passiert? In der öffentlichsten aller Branchen ist schlecht arbeiten, wenn man zum Buhmann wird. Kein Bundesligaklub könnte lange dem Druck der Stehränge und VIP-Logen widerstehen. So aber darf Lemke weiter von sich sagen, „den besten Job in dieser Stadt“ zu haben. Spätestens seit Samstag (Werder bezwang den Meisterschaftskonkurrenten Kaiserslautern mit 2:0) steht fest, daß er ihn behalten wird – obwohl Bild unter der Woche mit der Schlagzeile aufgemacht hatte: „Willi Lemke: Ich war ein KGB-Spion.“

Weggelassen hatte das Blatt, daß der Fußballmanager genaugenommen eher ein Agent des bundesdeutschen Verfassungsschutzes war. Ihm hatte sich Lemke sofort nach den ersten Avancen des sowjetischen Geheimdienstes im Sommer 1971 offenbart. Auf Bitten der Hamburger Verfassungsschützer hat sich Lemke von 1971 bis 1975 zum Schein genau ein dutzendmal „konspirativ“ mit seinem KGB-Kontaktmann getroffen, um ihm so geheime Details wie etwa die Privatadressen ausgesuchter SPD-Politiker aufzutischen. Der Verfassungsschutz versprach sich langfristig Rückschlüsse auf KGB-Strategien, wie der pensionierte Verfassungsschützer Hans-Josef Horchem jetzt in seinen Memoiren ausplauderte. Der sowjetische Geheimdienst traute offenbar dem damals gerade 22jährigen Sportreferenten des Hamburger AStA („der rote Willi“) eine so große politische Karriere zu, daß er später einmal als Geheimnisträger aus Bonn berichten könnte.

Wie kommt nun, fragt sich der gemäßigt Fußballaufgeklärte, der politische Hoffnungsträger für Bonn als Bundesligamanager nach Bremen? Wer ist Willi Lemke, wenn er schon kein, „Bond von der Weser“ war, wie die taz titelte? Wie unterwandert ist die Bundesliga? Und wie krude werden die Geschichten noch, die der Sport schreibt?

Punkt eins: Lemke ist der Prototyp eines Organisationstalents. Ein Wirbelwind, ein Quirl, ein Hansdampf in allen Gassen, dessen Macherehrgeiz von keinem noch so schwerfälligen Apparat zu bremsen ist. Nach der Studentenzeit und vor Beginn seiner Werder-Ära war Lemke sechs Jahre lang, von 1975 bis 1981, SPD-Landesgeschäftsführer in Bremen (Lemke war erst 1971 im Zuge der „Willy wählen!“-Euphorie in die Partei eingetreten). Der Parteispitze, dem Senat und später auch dem Werder-Präsidium hatte Lemke seine Spitzelvergangenheit stets korrekt gebeichtet. Als er kurz vor seinem persönlichen Aufstieg in die Bundesliga stand, hat er den damaligen Bremer Bürgermeister Hans Koschnick gefragt, was der von seinem Wechsel zu Werder hielte. Koschnick hatte geantwortet: „Wenn du als Sozialdemokrat zeigst, daß Sozis so was auch können, ist das für die Partei fast noch wertvoller, als einen guten Geschäftsführer zu haben.“ Werder-Fan Willy Brandt hat später in dieselbe Kerbe gehauen: Lemke sei das beste Beispiel dafür, daß Sozialdemokraten mit Geld umgehen könnten.

Punkt zwei: Hohe Stirn, schütteres Blondhaar, dezenter Schnäuzer und zu große Brille machen Willi Lemke zum Lieblingsobjekt von Karikaturisten. Selbst in feinstem Zwirn irrlichtert Lemkes Ausstrahlung unaufhörlich zwischen den Polen Sparkassen-Kreditberater, Autoverkäufer, Trendforscher, Topmanager, Sozialkumpel und Stimmungskanone. Lemke könnte ebenso glaubhaft für jeden Fußballfan beim norddeutschen Blödelduo Klaus & Klaus einsteigen („An der Nordseeküste“) und ohne eine Spur von Zynismus tags drauf als Pressesprecher einem Kanzler Scharping dienen. Dabei würde ihn keiner der beiden Jobs ganz ausfüllen. Brigitte Seebacher-Brandt hat jüngst über ihn geschrieben, einen Ruf der Partei würde er möglicherweise nicht ausschlagen – die Frage sei aber: „Welcher Senat und welche Partei würden ein solches Energiebündel aushalten?“