Von Georg Blume

Noch vor dem Fall der Berliner Mauer, im Sommer 1989, veröffentlichte Akio Morita, der Chef des Sony-Konzerns, gemeinsam mit dem japanischen Rechtsextremisten Shintaro Ishihara den Bestseller "Das Japan, das nein sagen kann". Schon damals glaubten manche das Grollen einer künftigen Weltmacht zu vernehmen. Morita und Ishihara rühmten mit unzweideutig nationalistischem Zungenschlag Japans Vorsprung in der Technologie und verhöhnten die angebliche Dekadenz des Westens. Der damals unaufhaltsam scheinende Höhenflug der Tokioter Börse lieferte den Hintergrund zu diesen schrillen Tönen.

Unter völlig veränderten Vorzeichen, mitten in der tiefsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg und nach einem spektakulären Verfall der Börsenkurse, scheint Japan nun tatsächlich "nein" zu sagen. Das Treffen zwischen dem amerikanischen Präsidenten Bill Clinton und dem japanischen Regierungschef Morihiro Hosokawa über Handelsfragen scheiterte. Ministerpräsident Hosokawa wies alle Forderungen der Amerikaner nach quantifizierbaren Vorgaben für die Öffnung der japanischen Märkte zurück. Nun droht ein regelrechter Handelskrieg zwischen der größten und der zweitgrößten Wirtschaftsmacht.

Seit sich Japan nach dem Zweiten Weltkrieg für die Rolle eines "unsinkbaren amerikanischen Flugzeugträgers im Pazifik" entschied und im Gegenzug unbegrenzten Zugang zu Amerikas Märkten erhielt, reagierten japanische Premierminister auf amerikanischen Druck meist äußerst flexibel. Dies ist nun plötzlich anders geworden. Niemand hatte damit gerechnet, daß sich ausgerechnet Hosokawa so klar den Vereinigten Staaten widersetzen würde. Clinton hatte es Japan allerdings leichtgemacht, nein zu sagen. Denn seine Forderung nach festen Marktanteilen für amerikanische Waren stößt bei allen Verfechtern des freien Welthandels auf Kritik. So konnte sich Hosokawa der Welt als Anwalt des Freihandels präsentieren.

Hinter dem gescheiterten Handelsgipfel von Washington steckt freilich wesentlich mehr. Die Vereinigten Staaten haben ein starkes Interesse an einer gesunden, ausgeglichenen Leistungsbilanz. Im vergangenen Jahr hat Japan im Handel mit den Vereinigten Staaten einen Überschuß von 105 Milliarden Mark erreicht; beim jetzigen Trend würde das Land innerhalb von zehn Jahren einen Überschuß erwirtschaften, der das Bruttosozialprodukt Deutschlands übersteigt. Angesichts der Jobkrise im Westen wäre ein solches Ungleichgewicht ohne größere Konflikte kaum aufrechtzuerhalten. Insofern ist die Definition einer japanischen Handelspolitik gegenüber dem Westen längst überfällig. Doch was kann der Westen von Morihiro Hosokawa erwarten? Treiben ihn die von vielen seiner Landsleute gehegten Abgrenzungs- und Großmachtgelüste, wie auch manche westliche Japanexperten unterstellen? Oder ist Hosokawa der Wegbereiter einer grundlegenden Reform, der Gorbatschow Japans?

Tatsächlich versucht Hosokawa seit seiner Amtsübernahme vor sieben Monaten, dem Ausland die Vision eines unabhängigen, aber einsichtigen, reformwilligen und den westlichen Werten treuen Japans zu vermitteln. Alles wird anders, lautet die Botschaft: Japan soll sich mittel- bis langfristig weiter für den Westen öffnen, den Zugang der Verbraucher zu billigen Importen erleichtern und ausländischen Unternehmen größere Chancen einräumen. In diesem Sinne drängt die Hosokawa-Regierung auf Deregulierung und den Abbau der staatlichen Planungsbürokratie. Vor allem sollen Japans Verbraucher viel stärker als bisher vom Zuwachs der Wirtschaft profitieren. Heute macht der Konsum in Japan nur 56 Prozent des Bruttosozialprodukts aus – in Westeuropa sind es 64 Prozent, in Amerika 68 Prozent.

Westliche Ökonomen sind sich mit Hosokawa einig, daß der Kreislauf von Rezession, sinkender Inlandsnachfrage und steigendem Exportdruck in Japan nur mit einer wesentlichen Steigerung des privaten Verbrauchs durchbrochen werden kann. Dies allerdings erfordert einen gewaltigen Umverteilungsprozeß. Hat Japan die Kraft und das Einsehen dazu?