NÜRNBERG. – Sechs Jahre lang war alles gut gegangen: Radio Z, die nichtkommerzielle, linksalternative Welle, sendete brav jeden Tag ab 16 Uhr ihre nicht übermäßig professionellen Beiträge für eine kleine, aber treue Hörergemeinde, die „ihr“ Radio als willkommene Alternative zum tödlichen Einerlei des lokalen Dudelfunks zu schätzen wußte. Wer sonst öffentlich nicht zu Wort kam, auf 95,8 UKW hatte er eine Plattform; eine Art akustische tat mit viel Independent-Scheiben, eigenwilligen Weltnachrichten und regelmäßigen Sendeplätzen für Minderheiten, für Paradiesvögel und Diskriminierte. In Radio Z wurden Knackis über ihre Rechte aufgeklärt; für schwule Männer wurde eine gemütliche Plauderecke geschaffen; das Magazin „Kesser Fratz“ richtete sich an den Nachwuchs. Insgesamt ein Programm, das sich stolz „basisdemokratisch“ nannte, selten ausgewogen, selten langweilig war, das es aber auch oft genug nicht so genau nahm mit den journalistischen Spielregeln.

Doch just diese Nachlässigkeit ist es, die Radio Z nun in die Bredouille gebracht hat. Selbst der Entzug der Sendeerlaubnis ist im Gespräch; im glimpflichsten Fall dürfte eine Geldstrafe in fünf- oder sechsstelliger Höhe auf den Sender zukommen – eine Sanktion, die für das finanziell nicht eben üppig ausgestattete Radio das Aus bedeuten könnte. In jedem Fall müsse es eine Strafe sein, die „weh tut“, hatte sich der Vorsitzende der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien (BLM), Wolf-Dieter Ring, vernehmen lassen. Was so Schreckliches war geschehen?

Vergangenen Herbst war bei Radio Z zwischen 21 und 22 Uhr abends eine „Lederserie“ über den Äther gegangen, in der der „Fliederfunk“ über schwule Liebespraktiken aufklärte. Da wurden Formen des Analverkehrs erörtert, diverse Gleitmittel (Geheimtip: Bratfett) auf ihre Tauglichkeit hin untersucht, die Verwendung „einer Heizdecke, ruhiger, sphärischer Musik und richtiger Beleuchtung“ empfohlen und schließlich anschaulich eine besondere Spielart des Analverkehrs, das sogenannte Fisting, beschrieben. Dies und andere Spezialitäten aus dem Sadomaso-Bereich waren an immerhin sechs Abenden zu hören.

Die feinsinnige Unterweisung wäre vermutlich, abgesehen von ein paar einschlägig interessierten Zirkeln, weitgehend unter Ausschluß der Öffentlichkeit über den Äther gegangen, hätte nicht, zufällig oder auch weniger zufällig, eine Erlanger Ärztin mitgehört, die die „Lederserie“ von Anfang bis zum Ende mitschnitt. Anschließend tippte sie das Ganze säuberlich ab und leitete das Protokoll dem stramm konservativen Verein Bürger fragen Journalisten zu. Der wiederum informierte die Landesmedienzentrale und das bayerische Innenministerium. Der Skandal war da: Radio Z wurde zum medienpolitischen Fall, an dem sich besonders die CSU ihr Mütchen kühlen wollte.

Generalsekretär Erwin Huber sah die Chance, im Medienrat, dem Aufsichtsgremium der Landeszentrale, den Entzug der Sendeerlaubnis zu fordern; darüber hinaus machte er sich für eine „stete Programmbeobachtung“ der Privatsender stark. Sein Parteikollege Hermann Regensburger wollte gar per „Überwachung“ sicherstellen, daß „solche unzulässigen Sendeinhalte generell nicht ausgestrahlt werden“. Offenbar sollte am Beispiel des Nürnberger Senders ein Exempel statuiert werden. Sayra Dinçman, Vorsitzende von Radio Z, geht denn auch gleich so weit, das Ganze als abgekartetes Spiel zwischen der CSU und dem Verein Bürger fragen Journalisten darzustellen, mit dem Ziel, „flächendeckend jede Art von linkem Journalismus mundtot zu machen“. Ohne es zu wollen, hat der alternative Sender freilich auch BLM-Präsident Wolf-Dieter Ring, den wegen seiner Liberalität schon länger aus den Reihen der CSU angefeindeten Medienkontrolleur, in eine schwierige Lage gebracht. Ring hatte noch vor kurzem in einer vergleichenden Programmanalyse eben jenes Radio Z als ein „Stück Vielfalt“ gerühmt und den kommerziellen Privatsender als beispielhaft empfohlen, was den Anteil seiner Wortbeiträge im Gesamtprogramm angeht. Nun stand der Musterknabe jedoch ausgerechnet wegen eines Wortbeitrags am Pranger.

Während die Medienräte in München noch schäumten, ließ Radio Z in aller Ausführlichkeit einen Pädophilen zu Wort kommen, der sich über die Vorzüge der körperlichen Liebe zwischen Erwachsenen und Kindern verbreitete, ermutigt von einem andächtig lauschenden Moderator („Is’ ja interessant, was du da erzählst“). Als der Sender dann auch noch die Unbekümmertheit besaß, am Heiligen Abend eine indizierte Scheibe aufzulegen, auf der für Inzest in der weihnachtlich gestimmten Familienrunde („Frohes Fest“) geworben wurde, witterte der Medienrat einen mittelschweren Fall von Provokation. Alles nur ein Versehen, versuchte dagegen Sayra Dinçman abzuwiegeln; bei nichtprofessionellen Redakteuren könne das schon mal passieren, leider.

Zu dem Eingeständnis, den einen oder anderen „Kunstfehler“ begangen zu haben, konnte sich Radio Z jedenfalls nicht aufraffen. Statt dessen sandte man gewundene Stellungnahmen an die Landesmedienzentrale, die nicht zuletzt ihres unfreiwilligen Humors wegen bemerkenswert war: „Die Mitschnitte wurden vom Vorstand und von verschiedenen Personen aus verschiedenen Redaktionen mit verschiedenen sexuellen Orientierungen angehört.“ Immerhin wurden die zuständigen „Redakteure“ entlassen.