Die Schriftsteller stecken im Schlamassel. Der Vorwurf an ihren westdeutschen Berufsverband lautet: Unter dem Vorsitz von Bernt Engelmann sei die Verbandspolitik mit der DDR abgestimmt, wenn nicht sogar von der DDR gelenkt worden. Zehn Jahre ist das her. Dokumente aus dem SED-Parteiarchiv, die jetzt gefunden wurden, geben Auskunft über die Kontakte der beiden deutschen Schriftstellerverbände zur Zeit des Kalten Krieges. Die Dokumente gehören zu einer Studie, die der Forschungsverbund SED-Staat von der Freien Universität Berlin im Auftrag der Enquete-Kommission des Bundestages in der vergangenen Woche abgeschlossen hat. Sie enthalten Berichte von Gerhard Henniger (damals 1. Sekretär des DDR-Schriftstellerverbandes) und Hausmitteilungen an Kurt Hager und das ZK der SED. Insgesamt acht Seiten SED-interner Korrespondenz aus den Jahren 1983/84. Jochen Staadt, der Autor der Studie, mahnt zur Vorsicht: "Man muß das einschränkend sehen." Keinesfalls darf man die Untertanen-Prosa der SED-Funktionäre mit der Wahrheit verwechseln.

Die Papiere belegen, daß der Schriftstellerverband der DDR 1984 versucht hat, auf den westdeutschen Verband der Schriftsteller Einfluß zu nehmen. Im VS gab es damals zwei Fraktionen. Die eine um den Vorsitzenden Bernt Engelmann und den Vorstand Dieter Lattmann, beide Sozialdemokraten, war bereit, mit dem Ostverband zu verhandeln und Kompromisse zu schließen. Abrüstungsfragen und eine gesamtdeutsche Friedenspolitik waren ihr wichtigstes Anliegen. Der sogenannten "Berliner" Oppositionsgruppe um Heinrich Böll, Günter Grass, Johano Strasser, Anna Jonas, F.C. Delius und andere war der Preis für die deutsch-deutsche Verbandsannäherung zu hoch. In den SED-Papieren heißen diese Autoren "rechte Kräfte". Auf dem Kongreß des VS 1984 in Saarbrücken sollte sich die Engelmann-Fraktion zum letzten Mal durchsetzen. In freier und geheimer Wahl – bei der, so Dieter Lattmann, wie bei allen Wahlen "gekungelt" wurde – unterlag die Oppositionskandidatin Ingeborg Drewitz dem unbekannten Hans Peter Bleuel, der die "alte VS-Linie" repräsentierte. Dies deckte sich mit den Interessen der Ostberliner Genossen. Das hat man sich denken können. Jetzt kann man es nachlesen. Kant und Henniger geben in einem Reisebericht an den Schriftstellerverband an, bei einem Treffen mit Lattmann und Engelmann 1984 in München vor Ingeborg Drewitz und anderen "ehemaligen DDR-Bürgern in der BRD" "gewarnt" zu haben, da man sie "im Hinblick auf Konzessionen an die rechten Kräfte nicht unterschätzen darf".

Man hat sich getroffen. Man hat sich abgesprochen. Man hat gekungelt. Engelmann und Lattmann haben das nie bestritten. Aber wurden sie auch von der SED "gelenkt", wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung wissen will? Ist der VS durch die SED-Papiere in der Tat "entlarvt"? Die Legende von den ferngesteuerten Sozialdemokraten, von der FAZ auch im Fall Wehner ohne stichhaltige Belege in die Welt gesetzt, gehorcht durchsichtigen Interessen und vereinfacht das Problem. Engelmann und Lattmann handelten natürlich nicht auf Anweisung der Ostberliner Funktionäre, sondern aus eigener Überzeugung. "Im Geiste der Ost- und Entspannungspolitik Willy Brandts, des Grundlagenvertrages und des Kulturabkommens", versichert Dieter Lattmann.

Es gibt viele Fragen. War es richtig, mit Parteischranzen wie Henniger und Kant zu verhandeln? Wem hat das genutzt? Hat das den Dissidenten geschadet? Wie konnte man über der Friedenspolitik die Menschenrechtsfragen vergessen? Warum reisten Schriftsteller überhaupt wie kleine Egon Bahrs über die Grenzen und benahmen sich wie Diplomaten? Die naive Unterstellung, all dies sei auf Anweisung der SED geschehen, ist keine Antwort. Wer das behauptet, verschließt die Augen vor der Verantwortung der Westautoren für die eigene Geschichte. Iris Radisch