Von Maria Huber

Rußlands unbezahlte Kumpels rüsten sich zu neuen Streiks. Die Energiewirtschaft droht mit dem Zusammenbruch. Menschen frieren. Waffenschmieden und Autohersteller sind in Not, ihre Belegschaften in Zwangsurlaub. Textilbetriebe verzweifeln ohne die billige Baumwolle aus dem ehemals sowjetischen Zentralasien. Überall Kurzarbeit, Liquiditätsprobleme, Schulden und Spekulation. Marktwirtschaft bringt Leiden – mehr und mehr, aus Sicht der Russen.

Der große Kummer wird in Rußland gewöhnlich mit einem kühlen, hochprozentigen „Wässerchen“ bekämpft. Doch jetzt hat die Misere sogar die Wodkaproduzenten erreicht. Der einstige Paradebetrieb Kristall mit seinen berühmten Marken wie Moskowskaja, Stolitschnaja und Petrowskaja mußte vergangene Woche bis auf weiteres schließen. Vertriebsdirektor Wladimir Petratschkow sieht die Schuldigen außerhalb der Werkstore: „Eine Alkoholsteuer von neunzig Prozent ist untragbar. Die Regierung hat den russischen Wodka so verteuert, daß er in seiner eigenen Heimat nicht mehr konkurrenzfähig ist.“

Gleichzeitig wird der Markt mit billigem Importwodka überschwemmt. Und der kommt hauptsächlich aus Deutschland. Kein Wunder, daß Petratschkow klagt: „In Deutschland werden Extraschichten für den Export nach Rußland gefahren. Bei uns aber stehen alle Räder still.“

In Petratschkows kleinem Kabinett sind die hohen Fenster mit Eisblumen bedeckt. Nur die Telephonleitungen laufen heiß. Die Anrufer wollen Wodka bestellen – zu einem billigeren Preis. „Das geht aber nicht“, sagt der Moskowskaja-Vertriebschef und erläutert seine Kalkulation, „unser Gewinn macht nur ein halbes Prozent des Verkaufspreises aus. Die Steuern müssen runter.“ Der Direktor des Werkes wurde dehalb wiederholt bei Vizepremier Oleg Soskowetz vorstellig – und hatte am Ende zur Überraschung aller sogar Erfolg: Anfang der Woche wurde die Alkoholsteuer wieder gesenkt.

Lange Zeit schien keine Branche vorm Bankrott sicherer zu sein als die Wodkaproduktion. Mit dem nach Gramm gemessenen Traditionstropfen ernähren, wärmen, vor allem aber trösten sich in Rußland arm und reich seit Menschengedenken – „in 800 Jahren Produktion gereift“, steht auf dem grünen Etikett der Moskowskaja-Flasche. Den guten Ruf der Moskauer Aktiengesellschaft Kristall begründete im vergangenen Jahrhundert die Kaufmannsfamilie Pjotr Smirnow. Und ausgerechnet jetzt – im dritten Jahr der neuen Marktwirtschaft – soll alles aus sein?

Wodkaverkäufer Petratschkow ist fassungslos: „Warum werden die Importeure steuerlich geschont? Wir hingegen müssen auf die zwanzigprozentige Umsatzsteuer seit dem 1. Januar auch noch drei Prozent ‚Präsidenten-Steuer‘ draufzahlen.“