Von Michael Schwelien

Belet Huen Ölschlieren laufen über das versandete Kühlaggregat; die Klimaanlage hatte bisher Lebensmittel gegen die Wüstenhitze geschützt. Jetzt muß die Technik verladen werden. Abmarsch aus Belet Huen. mit Sack und Pack! „Rückverlegung“, sagen die Soldaten, wenn sie im offiziellen Tonfall reden. „Rückzug“, das geht auch noch durch. Wenn einem aber im grimmigen Scherz das Wort „Flucht“ rausrutscht, dann sorgt er sich hinterher doch sehr, das könne ernst genommen und zitiert werden.

Rückverlegung also. Der Abzug der noch 1300 Mann des deutschen UN-Kontingents in Somalia hat begonnen und muß Mitte März beendet sein. Fluchtartig wirkt das alles nicht. Eher fluchartig.

Das Öl bildet immer dickere Lachen. Major Meyer läßt die Metallverkleidung des Klimageräts abreißen. Einer seiner Jungs muß mit Gurten her. „Gabelstapler, hoch, erst mal wieder aufrichten.“ Zwei andere nageln fieberhaft vier Paletten mit schweren Kanthölzern aneinander. „Säge, noch mehr 30-Zentimeter-Nägel, nicht krumm schlagen, so wird der Hammer gehalten!“ Ein zweiter Gabelstapler muß her. Er wirbelt dichte Wolken im zentimetertiefen Wüstenstaub auf. Schweiß verklebt sich mit Sand und Öl. Im Frachtcontainer ist es über sechzig Grad heiß. „Jetzt langsam ablassen!“

Major Meyer wirft sich in den Dreck. Er schiebt Luftkissen unter die Kühlmaschine. Dreihundert Kilometer Staubpiste muß sie überleben, später, auf dem Seetransport von Mogadischu, darf die Ladung auch bei schwerer See und Neigungen des Schiffes von bis zu vierzig Grad nicht verrutschen. Einer der Männer schließt einen Schlauch an das Luftdruckventil eines Lkw. Er bläst die Luftkissen unter der Klimaanlage auf. Danach hält er sich selber den harten Luftstrahl auf den Oberkörper und zwischen die Zähne, um das gröbste Geschmier wegzublasen. Da kommt der nächste Befehl: „So, jetzt gleich die Operationstische der Sanitäter für den Lufttransport mit der Transall fertigmachen.“

Es ist die Stunde der Stauer. In zwei Wochen wird von der deutschen Zeltstadt nichts mehr übrig sein. Etwa 4000 Mann waren dann an der Hilfsaktion für Somalia beteiligt; schätzungsweise 500 Millionen Mark wird das Unternehmen am Ende kosten. Weil zuletzt von der Hardthöhe entschieden wurde, daß der Lufttransport aus Mogadischu zu gefährlich ist, wird die Truppe auf Fregatten von Mogadischu ins kenianische Mombasa verschifft, um von dort in die Heimat zu fliegen. Damit sind erstmals alle drei Waffengattungen der Bundeswehr – Heer, Marine und Luftwaffe – an einem gemeinsamen Einsatz beteiligt, 7000 Kilometer von zu Hause entfernt, der erste Auftrag out of area, zugleich der größte und teuerste.

Nur ein paar Holzreste verkauft die Bundeswehr an somalische Händler. Sogar leere Bierflaschen werden in der Transall-Maschine verstaut. In zwei Wochen erinnern nur noch einige im Sand verkarstete Elektrokabel und der Wall aus Nato-Drahtrollen daran, daß von diesem Platz aus, drei Kilometer vor Belet Huen, deutsche Soldaten im Verlauf von acht Monaten humanitäre Hilfe geleistet haben.