Von Jan Kutscher

Zwei Dinge trüben sich beim Kranken: a) der Urin, b) die Gedanken.“ Dem vom Dichter Eugen Roth in Verse gekleideten Wechselspiel zwischen körperlichen und seelischen Leiden widmet sich die Psychosomatik, eine Teildisziplin der Medizin. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die ärztliche Heilkunst, die sich in erster Linie mit den körperlichen Erkrankungen befaßt, zu bereichern, indem sie die Verquickung zwischen Seele (Psyche) und Körper (Sorna) zu ergründen sucht.

Die Forscher vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit stellten Anfang der achtziger Jahre fest, daß fast jeder fünfte Deutsche körperliche Beschwerden hat, die von der Seele mitverursacht wurden. Jeder zehnte leidet an sogenannten funktionellen körperlichen Störungen wie Kopfschmerzen, Schlaf- oder Eßstörungen, für die keine medizinische Ursache auszumachen ist. Bei elf Prozent der Untersuchten waren die Beschwerden so schlimm, daß sie von den untersuchenden Ärzten als „Fälle“ eingestuft wurden. Angaben über die Häufigkeit einer psychosomatischen Verursachung körperlicher Erkrankungen, die zu einem stationären Krankenhausaufenthalt führen, streuen in der Fachliteratur freilich zwischen fünf Prozent und zwei Drittel der Patientenzahl.

Im Jahre 1818 hat der Arzt und spätere Psychiater Johann Ch.A. Heinroth den Begriff „psychosomatische Medizin“ erstmalig verwendet. Seinerzeit begannen die Ärzte damit, sündhafte, bevorzugt sexuelle Leidenschaften als Ursache von Tuberkulose, Krebs oder Epilepsie anzusehen. Freiherr Friedrich von Hardenberg, besser bekannt unter seinem Dichternamen Novalis, vertrat 1798 dann eine sehr weitgehende Auffassung der Psychosomatik: „Jede Krankheit kann man Seelenkrankheit nennen.“ Psychosomatische Theorien über das Zusammenwirken von Körper und Seele haben sich seither inflationär vermehrt. So kann man im Lehrbuch der renommierten deutschen Psychosomatiker Walter Bräutigam, Paul Christian und Michael von Rad wie in einem Selbstbedienungsladen zwischen mehr als einem Dutzend psychosomatischer Theorien auswählen.

Beliebt unter praktizierenden Ärzten ist zum Beispiel die Theorie krankheitsspezifischer psychodynamischer Konflikte des während der Naziherrschaft in die USA emigrierten Psychoanalytikers Franz Alexander. Kernaussage: Jeder psychosomatischen Störung liege, ebenso wie auch jeder Neurose, ein unbewußter emotionaler Konflikt zugrunde. Der habe seine Ursache im Widerstreit zwischen zwei Bedürfnissen oder einem Bedürfnis auf der einen und einem Verbot auf der anderen Seite. Während bei der Neurose blockierte Bedürfnisse wenigstens in der Phantasie ausgeführt würden, unterlasse der Psychosomatiker die Handlung, mit der das Bedürfnis befriedigt werden kann, vollständig. Die nicht vollbrachte emotionale Handlung rufe nun dauerhafte Veränderungen der Körperfunktionen hervor, wobei die Form der Veränderung von der blockierten Bedürfnisart abhänge. So könne angestaute aggressive Spannung zu Bluthochdruck führen. Werden hingegen passiv-regressive Wünsche nach Behütung und Umsorgung blockiert, könnten Magengeschwüre oder Asthma die Folge sein.

Nicht minder populär ist die Theorie von der spezifischen „psychosomatischen Persönlichkeitsstruktur“ – der Alexithymie. Alexithymiker, also für psychosomatische Erkrankungen besonders anfällige Menschen, seien durch banale, sterile und leere sprachliche Äußerungen ebenso gekennzeichnet wie durch ihre Unfähigkeit zur Phantasie. Statt mit Worten sprächen diese Menschen deshalb mittels ihres Körpers, und der spricht nun einmal mittels Krankheiten.

Die zahlreichen Theorien haben zwei Dinge gemein: Sie klingen alle irgendwie plausibel. Ihr Erklärungswert jedoch ist durchweg gering. Denn mit keiner der Theorien läßt sich das Auftreten von psychosomatischen Krankheiten oder deren Verlauf befriedigend vorhersagen. Viel mehr, als daß sich Körper und Seele irgendwie gegenseitig beeinflussen können, weiß die Wissenschaft heute auch noch nicht.