Es wirkt schon recht absurd: Anfang dieser Woche konnten sich die Tarifparteien der Metall- und Elektroindustrie nicht einmal einigen, worüber sie sich bei ihrem Spitzengespräch am Freitag zuvor denn nun zerstritten hatten. Wollen die Arbeitgeber durchsetzen, wie die IG Metall behauptet und auch Gesamtmetall-Präsident Hans-Joachim Gottschol nach dem Abbruch der Verhandlungen sagte, daß ganze Belegschaften wieder zur 40-Stunden-Woche zurückkehren dürfen? Oder geht es nur darum, wie Gottschols Hauptgeschäftsführer Dieter Kirchner meinte, bestimmten Abteilungen wie Forschung und Verkauf die Mehrarbeit zu erlauben?

Derlei Unstimmigkeiten ließen sich als Kuriosität abtun, stünden sie nicht für den Zwist im Arbeitgeberlager, der mehr und mehr zur Belastung der ohnehin schwierigen Verhandlungen wird. Gottschol will die "Wende in der Tarifpolitik" durchsetzen. Und für den von ihm repräsentierten Mittelstand gilt, anders als für die Gemäßigten wie Kirchner, die Abkehr von der 40-Stunden-Woche noch immer als "Jahrhundertfehler", der nun dringend korrigiert werden muß.

Dafür erscheint den Radikalen unter den Arbeitgebern diese Tarifrunde wie geschaffen: Durch den Verlust von 600 000 Arbeitsplätzen in den vergangenen drei Jahren ist die IG Metall in die Defensive geraten, und in Fragen der Arbeitszeit zeigt sie sich flexibler als je zuvor. Den Durchbruch zur 35-Stunden-Woche, mit harten Streiks und zähen Verhandlungen erkämpft, will sie sich deshalb noch lange nicht abkaufen lassen. Wer das versucht, beißt zwangsläufig auf Granit. Ist Gesamtmetall wirklich an einer friedlichen Lösung interessiert, muß der Verband die Ideologen in den eigenen Reihen zurückpfeifen. Das gilt auch für das übertriebene Verlangen nach Lohnkürzungen.

Plausibel ist freilich der Hinweis der Arbeitgeber, daß gerade in schlechten Zeiten die Mehrarbeit einzelner Abteilungen überlebensnotwendig sein kann. Bereits heute erlauben die Tarifverträge, daß bis zu achtzehn Prozent der Belegschaft vierzig Wochenstunden arbeiten dürfen – nur wird das kaum genutzt. Diese Regelung ließe sich weniger starr als heute ausgestalten, ohne daß die erreichte Arbeitszeitverkürzung grundsätzlich in Frage gestellt würde. In diesem Punkt sollte die Gewerkschaft noch einmal in sich gehen – ebenso wie beim Thema Lohnausgleich. Die IG Metall beharrt bislang auf einem Teillohnausgleich, wenn nur für Teile der Belegschaft die Arbeitszeit reduziert wird. Sie fürchtet andernfalls um die innerbetriebliche Solidarität. Die Psychologie spricht für das Argument der Gewerkschaft, die Logik freilich für das der Arbeitgeber: Wer weniger arbeitet, soll auch entsprechend weniger verdienen.

Doch trotz allem sind sich beide Seiten in wichtigen Punkten schön erstaunlich nahegekommen. Geradezu Revolutionäres bahnt sich an: Der Flächentarifvertrag soll geöffnet, den Unternehmen, um den Preis einer befristeten Beschäftigungsgarantie, eine ganze Palette von verschiedenen Arbeitszeitmodellen angeboten werden. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Betriebe der heterogenen Branche könnten sich auf ihre Bedingungen zugeschnittene Lösungen auswählen. Der Flächentarifvertrag, über Jahrzehnte bewährt und nun wegen seiner Starrheit gescholten, könnte als wichtiger Ordnungsfaktor erhalten bleiben. Damit hätten Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverbände ihre Existenzberechtigung bewiesen – und Unternehmen wie Betriebsräte sind auf die Hilfe ihrer Organisationen ohnehin um so mehr angewiesen, je komplizierter solch flexiblen Tarifverträge sind.

Das bislang Erreichte darf nicht durch überzogene Forderungen gefährdet werden. Denn es geht nicht nur um die Wettbewerbsfähigkeit der Metallindustrie und darum, mit der Abwendung eines Streiks die zarte Pflanze der Konjunkturerholung zu schützen. Es geht auch um die Zukunft der Tarifautonomie. Für Ideologen ist da kein Platz. Arne Daniels