Das soll ein „Trauerspiel“ sein? Wann wären wir vor dem Zauberkasten von Pina Bauschs Tanztheater je so entspannt gesessen wie jetzt im Schauspielhaus Wuppertal. Angekündigt war, wie so oft, ein „Tanzabend II“. Natürlich haben wir den Herrn im dunklen Anzug erwartet, der vor Beginn auf die Bühne kommt, um zu warnen: Sie sehen ein work in progress, das noch keinen Namen hat.

Der Herr erscheint. Auch die Verzeih-Floskel work in progress ist zu hören – in Wahrheit Zauberformel für die wandlungskräftige Kunst der Choreographin. Dann die Überraschung. Seit den Proben in der letzten Nacht hat das neue Stück einen Namen: „Ein Trauerspiel“.

Wo ist da Trauer oder auch nur Traurigkeit? Eine Tänzerin hebt den Rock, legt sich Speckstreifen auf die Hüfte und klagt: „Winterspeck.“ Eine andere preßt eine Zitrone über einem Holzstab aus und raunzt: „Stocksauer.“ Jan Minarik, melancholischer Fels im merklich verjüngten Ensemble von zwölf Tänzerinnen und sieben Tänzern, trippelt im Pelzmantel auf die Bühne, entledigt sich des Überzugs und riskiert in engem, grünem Frauenkleid einen Purzelbaum, stöckelt an die Rampe, fragt: „Was war das?“ Und gibt die Antwort: „Na, eine Frühlingsrolle.“

Spätestens dann, wenn Minarik diesen szenischen Kalauer mit unbewegt bleichem Clownsgesicht serviert, drängt sie sich wieder auf, die unabweisbare Trauer, die hinter allen choreographischen Grimassen lauernde Klage der Vergeblichkeit unserer Sehnsucht nach Harmonie, nach Frieden, nach einem Herzschlag Glück.

„Ein Trauerspiel“: Der Untertitel fast aller Tanz-Dramen von Pina Bausch ist diesmal in die Hauptzeile gerutscht. Und da ist es nur recht, wenn Erwartungen von tragischen Szenen listig, witzig, auch kalauernd enttäuscht werden. Im Schweigen nach dem Gelächter oder dem (bei Pina Bausch so noch nie zu hörenden) Szenenbeifall ist die Verzweiflung zu erfahren, aus der die Kunst dieser Frau kommt.

Immer schon hat Pina Bausch ihren Tänzern die Tanzbühne zur Hindernis-Strecke gemacht. Torf gab es da, Wasser, ein Nelkenfeld, zuletzt den feuchten, schweren Sand eines Strandes am Meer. Jetzt bedeckt, knöcheltief, silbern gleißender Anthrazit-Kohle-Grus die bis zur schwarz schimmernden Brandmauer geöffnete Bühne von Peter Pabst. In der Mitte treibt, wie eine Eisscholle, eine große Insel, umgeben von einem Wassergraben. Dessen Breite ändert sich ständig, je nachdem, von welcher Seite aus wie viele Tänzer auf das Eiland flüchten. Kleine Insel Glück.

In den Wasser-Ring wird eine Frau gekippt, neben der Jan Minarik Platz nimmt in paradiesischer (?) Nacktheit. Oder ist der Mann glücklicher dann, wenn er, allein, mit Hut und Anzug ins Wasser steigt? Einmal wird der mit einer brennbaren Flüssigkeit angereicherte Wassergraben angezündet – und das Inselchen erscheint hinter der Flammenwand als ferner, unerreichbarer Garten Eden.

Wasser und Feuer: In immer neuen szenischen Einfällen beschwört die Choreographin die einander feindlichen Elemente („Wir bedanken uns bei den Mitarbeitern der Städtischen Feuerwehr Wuppertal...“, lesen wir in dem aus einem Namenszettel bestehenden Programmheft, dessen Umschlag ein Photo ziert, auf dem ein Kalb durch eine überschwemmte Kirchenhalle planscht). Müssen nicht die beiden Liebenden Tamino und Pamina von Mozarts „Zauberflöte“ die Feuer-und-Wasser-Probe bestehen, ehe sie die Insel ihrer Liebe betreten dürfen?

Das Wuppertaler Tanztheater hat das neue Stück, ein überraschend lebensfrohes „Trauerspiel“, „in Zusammenarbeit mit den Wiener Festwochen“ entwickelt. Hat, nach einigen Probenwochen an der Donau, die hinter Operettenseligkeit kaum kaschierte Todestrunkenheit der alten Kaiserstadt auf ein in Staub und Asche getanztes Stück abgefärbt, in dessen zweitem (noch sehr unfertigem) Teil fast nur Musik von Franz Schubert erklingt, vor allem aus der „Winterreise“ („Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus“)? Die Einheit – als Fremdheit – von Tänzern und Zuschauern wird erfahrbar auch dadurch, daß fast im gesamten zweiten Teil das Licht im Saal nicht gelöscht wird.

Streng wie ein Ritual beginnt der „Tanzabend“, der seinen Namen zu Recht führt: Mehr als in Stücken der letzten Jahre sind Frauen und Main er von Pina Bauschs Ensemble als tanzende Menschen zu erleben. Oft sehen wir sie in den ekstatischen Bewegungen von Oberkörper, Armen, Händen, bei fest auf dem Boden stehenden Beinen. Dieses Bewegungsmuster haben die Wuppertaler zu großer Ausdruckskraft entwickelt.

Am Anfang schreitet eine dunkelhäutige Frau (Regina Advento), halbnackt unter durchsichtigem, verziertem Zaubermantel, langsam über die Bühne. Aus einem urtümlichen Musikinstrument, einem hohlen Kürbis, gekrümmtem Ast und einer Hanfschnur als gespannter Saite, holt sie fremdartige Klänge, die uns, wie überhaupt Matthias Burkerts Musik-Collage, in ferne Zeiten und Räume entführen (sephardische Lieder aus Spanien, Zigeuner-Gesänge aus Ungarn, jiddische Litaneien, Folklore aus Afrika, Indien, Sibirien, Jagdhornmusik, Jazz von Louis Armstrong, Duke Ellington, Django Reinhardt). Wieder einmal scheint Marion Cito den Schrank einer reichen Dame mit Stilgefühl geplündert zu haben: Ihre Kleider für die Tänzerinnen sind so schlicht wie elegant.

Ob eine Tänzerin an der Wasserflasche nuckelt und in hohem Bogen Fontänen speit, mit denen sie Feuer löschen kann, oder ob, in einer lärmend apokalyptischen Szene, ein Wasserfall aus dem Bühnenhimmel rauscht: Immer sind Staunen und Schrecken, Vergnügen und Entsetzen nah beieinander – am befremdlichsten in diesem lebenslustigen Trauerspiel dann, wenn zwei Männer, wie bei einer Feier am Grab, einen dritten stützen. Der bricht zusammen und vergießt Tränen. Die sammelt er in hohler Hand und übergibt sie einem der Freunde, der sie, sichtbarlich, in die Asche tropfen läßt, die den Boden bedeckt. Wie klagt der Flüchtige aus Schuberts „Winterreise“: „Gefrorne Tropfen fallen / Von meinen Wangen ab...“ Rolf Michaelis