Von Ludwig Siegele

Der Direktor des französischen Weltblattes Le Monde macht aus seiner Verbitterung keinen Hehl: Seit einigen Monaten schon seien seine Mitarbeiter unter Druck gesetzt worden, sich für einen Nachfolger zu entscheiden, schreibt Jacques Lesourne in seiner Rücktrittserklärung.

Le Monde ist bekannt für seine internen Machtkämpfe. Aber der überraschende Rücktritt von Lesourne ist symbolhaft für den gegenwärtigen Zustand der überregionalen Tagespresse in Frankreich. Ob Le Figaro, Libération oder l’Humanité – alle stecken derzeit sowohl finanziell als auch journalistisch tief in der Krise.

Finanziell, weil das Anzeigengeschäft in den vergangenen beiden Jahren eingebrochen ist wie noch nie. Die Rezession und das Verbot der Tabakwerbung ließen das Anzeigenaufkommen der französischen Tageszeitungen schon 1993 um 27 Prozent fallen. Und in diesem Jahr sollen es noch einmal zehn Prozent weniger werden.

Journalistisch, weil sich immer weniger Franzosen eines der Pariser Blätter leisten. 1992 lasen von 1000 Franzosen nur 155 regelmäßig in einer überregionalen Tageszeitung – äußerst wenig im internationalen Vergleich: In der Bundesrepublik waren es 341, in Großbritannien 376 und in Japan sogar 580.

Bei Le Monde hat sich das Anzeigenaufkommen im vergangenen Jahr um rund zwanzig Prozent verringert, und die Zahl der Käufer ist um knapp zwei Prozent auf täglich rund 350 000 gefallen. Mit einem Verlust von voraussichtlich gut zehn Millionen Mark kommt die Zeitung dabei noch recht gut weg.

Ein wesentlicher Grund für die Krise der großen Tageszeitungen liegt freilich darin, daß sie am Leser vorbeischreiben. Viele Redakteure scheinen noch nach dem Motto des legendären Le Monde-Gründers Hubert Beuve-Méry zu handeln: "Dann werde ich sie eben zum Lesen zwingen."