Von Joachim Fritz-Vannahme

Ein Kreuz für tausend Tote, zweihundert für die 200 000 Opfer im bosnischen Krieg: Einen Wald aus Kreuzen trugen vergangene Woche Straßburger Bürger vor das Europaparlament. Zur selben Zeit ertönte in Paris und im ganzen Land der Ruf "Liberté, Egalité, Sarajevo".

Nach einer Umfrage des Nachrichtenmagazins Le Point nähmen 55 Prozent der Befragten französische Verluste im Balkankrieg in Kauf. Mehr als zwei Drittel würden die französische Luftwaffe gegen serbische Stellungen rund um die bosnische Hauptstadt einsetzen. Nur eine Minderheit denkt an einen Rückzug der casques bleus, der Blauhelm-Soldaten, von denen bereits achtzehn Mann ihr Leben lassen, mußten. Frankreich schickte über 6000 nach Bosnien, mehr als jede andere Nation. Mit den Schreckensbildern vom Marktplatz in Sarajevo schwand die letzte Zurückhaltung bei den Franzosen. Die geschundene Stadt weckt in ihnen Gefühle von Ohnmacht und Wut wie zuvor nur das zerbombte Beirut.

Der Ruf nach Freiheit, Gleichheit und Solidarität für Sarajevo kam den Demonstranten darum nicht nur aus guter französischer Tradition von den Lippen. François Mitterrand hatte im Juni 1992 mit seinem spektakulären Flug vom zerredeten EG-Gipfel in Lissabon direkt in die belagerte bosnische Hauptstadt aus Sarajevo ein Zeichen gesetzt. Der Präsident fand seither freilich viele Nachahmer unter französischen Politikern und Intellektuellen, deren Reise in die Gefahr nicht frei von eitler Selbstinszenierung war. Aber die große Geste Mitterrands wies der französischen Balkanpolitik, ob gewollt oder nicht, eine andere Richtung. Auch französische Kameras zeigen seitdem das tägliche Martyrium der Menschen in dieser Stadt. Zwei Generäle, Philippe Morillon, den die Franzosen heute stolz Philippe von Bosnien nennen, und Jean Cot, legten Zeugnis ab von den Demütigungen, denen die französischen Blauhelme durch eine serbische Soldateska ausgesetzt waren. Beide schieden im Zorn und schwiegen nicht.

So waren es letztlich die Serben selber, die aus anfänglichen proserbischen Sympathien vieler Franzosen erst Skepsis und dann Wut werden ließen. Die Sympathie hatte vielerlei Wurzeln. Sie gründete ebenso im Geschichtsbild des Ersten Weltkrieges und der Pariser Vorstadtverträge, die das moderne Jugoslawien schufen, wie in der Bewunderung französischer résistants für die Partisanen um Tito im Zweiten Weltkrieg. Die französische Diplomatie veranschlagte die nationale Integrität des Vielvölkerstaates anfangs höher als das Recht dieser Völker auf Selbstbestimmung.

Doch das ist mittlerweile Vergangenheit, auch wenn manche deutsche Stimmen den Franzosen weiterhin doppeltes Spiel unterstellen. Heute will Serbenführer Milošević den französischen Außenminister in Belgrad nicht mehr sehen. Denn vergangene Woche zogen die Franzosen in Brüssel beharrlich die Fäden, bis die Nato den Belagerern von Sarajevo ihr Ultimatum stellte. Vor einem Jahr hatten Franzosen und Briten den amerikanischen Vorschlag von Luftangriffen auf serbische Ziele abgelehnt: Damals hofften die Franzosen auf eine europäische Lösung des Bosnienkrieges. Noch vor drei Wochen klagten Paris und Washington einander an: Die Amerikaner würden, so schimpfte Außenminister Alain Juppé, sehenden Auges in die "Katastrophe" laufen, wenn sie das Waffenembargo für die muslimischen Bosnier aufheben wollten. Das würde die Muslime nur aufstacheln, statt sie an den Verhandlungstisch zu zwingen. Die amerikanische Replik klang nicht minder harsch: Das sei doch ein "merkwürdiges moralisches Kalkül", ausgerechnet auf die schwachen Muslime Druck auszuüben...

Mit dem Nato-Ultimatum kam es dann zum überraschenden Bündnis zwischen Franzosen und Amerikanern. Dabei führten als erste die Franzosen das Wort vom Ultimatum im Munde und ließen erkennen, daß sie es mit ihrer bislang zaghaften Annäherung an die Nato in einem veränderten Europa ernst meinen. Eben noch schienen Paris und Washington über die Gatt-Verhandlungen heillos zerstritten. Jetzt gelang den beiden spinnefeinden Alliierten eine partnership in leadership, wie sie die Amerikaner gestern den Deutschen angetragen und vorgestern nur mit den Briten im Wüstensand von Kuwait gepflegt hatten.