TORGAU. – Nun werden die Torgauer doch feiern können. In diesem Jahr wird ihre Schloßkirche 450 Jahre alt. Alles soll im Zeichen dieses Ereignisses stehen. Eine neue Orgel wird eingeweiht, eine Festwoche veranstaltet. Schirmherr ist Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf. Denn die Kirche ist nicht irgendeine: Sie wurde nach Martin Luthers Vorstellungen gebaut, von ihm persönlich geweiht. Das war am 5. Oktober 1544 – damit ist die Torgauer Schloßkapelle die älteste evangelische Kirche der Welt.

Beinahe wäre den Bewohnern der sächsischen Kleinstadt die Lust am Feiern vergangen. Es gab viel Aufregung um die Kirche. Sie gehört zum Schloß Hartenfels, und das schrieb der Bund im vergangenen Sommer unversehens zum Verkauf aus. In Torgau erfuhr man davon aus der Zeitung: In großen Anzeigen lobte „Die Bundesrepublik Deutschland – Bundesvermögensverwaltung“ das Objekt aus. Es sei „beabsichtigt, das Schloß Hartenfels in Torgau an der Elbe zu veräußern bzw. unentgeltlich abzugeben“. Die Furcht vor einer Privatisierung ging um. „Man kann doch ein solches Denkmal nicht aus der Hand geben“, polterte Torgaus Kulturdezernent Wolfgang Geppert. Baugeschichtlich ist das mächtige Gemäuer tatsächlich einmalig. Es ist das älteste erhaltene Frührenaissanceschloß in Deutschland. An seiner künstlerischen Gestaltung war Lucas Cranach d.Ä. maßgeblich beteiligt, hier residierte zeitweise der sächsische Kurfürst, hier auf der inzwischen vom Abriß bedrohten Elbbrücke begegneten sich bei Kriegsende im April 1945 die russischen und amerikanischen Truppen. Aber der Bund, infolge der deutschen Einheit zum Schloßbesitzer geworden, hatte für das ehrwürdige Bauwerk keine Verwendung. Also bot die zuständige Oberfinanzdirektion Chemnitz Schloß Hartenfels dem Freistaat Sachsen an. Dort winkte man zunächst ab – aus Geldmangel. Immerhin schätzte der Bund die nötigen Renovierungskosten für Hartenfels auf rund 35 Millionen Mark. Außerdem verfüge Sachsen bereits über diverse Schlösser, die finanziellen Belastungen seien erheblich. „Wir sind froh um jedes Schloß, was wir nicht haben“, war aus dem Finanzministerium zu hören.

Die Torgauer schimpften. Unerträglich fand der örtliche Superintendent Wolf Baumgarten die Vorstellung, das Schloß könnte samt Kirche privatisiert werden: „Das ist ein Eingriff ins Innerste.“ Nicht einmal die Nazis und der SED-Staat hätten die gottesdienstliche Heimat der Menschen tangiert. Das evangelische Konsistorium in Magdeburg wunderte sich über die Entscheidung und ließ sich vom Bund erst mal die Nutzungsrechte für die Kirche garantieren. Das Torgauer Landratsamt fürchtete um sein Domizil – die Beamten residieren im Schloß. Flugs schrieb die Landrätin einen Brief an den sächsischen Ministerpräsidenten. Schließlich sei doch Kurt Biedenkopf Schirmherr der Feierlichkeiten zum Jubiläum der Schloßkirche. Obendrein erinnerten die Torgauer den Landesvater an sein altes Versprechen, der Freistaat werde Hartenfels übernehmen.

Dafür stehen die Chancen mittlerweile ganz gut. Sachsen hat dem Bund nun doch ein entsprechendes Angebot gemacht. Aber die Dresdner Staatsregierung stellt Bedingungen: Erstens wolle man das Schloß umsonst, zumal die Sanierungskosten wohl eher sechzig Millionen Mark betragen würden. Und wenn man diese Belastung schon auf sich nehme, hätte man vom Bund gern noch eine andere Liegenschaft dazu. Die liegt sehr zentral in Dresden und ist von beträchtlichem Wert.

Ob der Bundesfinanzminister sich auf den Deal einlassen würde, war zunächst offen. „Wir haben einige interessante Angebote von privaten Investoren“, ließ Konrad Findling von der Chemnitzer Oberfinanzdirektion verlauten, Die gelte es erst einmal zu prüfen. Im sächsischen Finanzministerium bezweifelte man derweil, daß es wirklich potente Interessenten für Hartenfels gebe: „Der Bund pokert nur“, hieß es dort. Und tatsächlich mußte das Bundesfinanzministerium inzwischen einräumen, daß die wenigen privaten Bieter einer Prüfung nicht standgehalten hätten.

Ganz vorbei ist das Pokern deshalb noch nicht. Die vom Freistaat angegebenen Restaurierungskosten hält der Bund für übertrieben; das als Kompensation verlangte Dresdner Grundstück sei folglich viel zu wertvoll. Alles ist also wohl nur noch eine Frage des Preises. So gesehen sind auch die Torgauer jetzt guten Mutes: „Ich bin sicher, daß der Freistaat den Zuschlag erhält“, sagt Kulturdezernent Geppert. Auch wenn die endgültige Nutzung des Schlosses damit noch gar nicht ganz klar ist – feiern wird man in Torgau auf jeden Fall: das Jubiläum der Schloßkirche und, wer weiß, die „Rettung“ von Schloß Hartenfels.

Hanns-Stefan Grosch