Sie hat Wut im Bauch. Im Kopf. Im Herzen. In der Seele. Und genauso schreibt sie – leidenschaftlich, rücksichtslos und zugleich zärtlich, mitfühlend.

Der neue Sammelband mit Gerichtsreportagen, politischen Kommentaren, Essays und persönlichen Erinnerungen von Peggy Parnass ist ein Muster an Unausgewogenheit: alle Sympathie den Opfern, aller Haß den Tätern. Und als Motivation ihrer Arbeit das unbeirrte Bekenntnis: "Ich hab’ immer an die Beiehrbarkeit von Menschen geglaubt."

Doch nun, nach Mölln und Solingen, sitzt der Schock tief. Gewarnt hat sie seit Jahrzehnten vor dem alten und neuen Rechtsradikalismus in unserem Land, die Einäugigkeit der Justiz- und anderer Staatsorgane beschworen, Zivilcourage eingefordert und bewiesen. Immer in der Hoffnung, daß "Aufzeigen noch was bewirken könnte". Alles umsonst?

Mit einem an Rosa Luxemburg erinnernden "Trotz alledem" hält Peggy Parnass an ihren Utopien fest – auch wenn sie Mühe hat, "die Gegenwart zu überstehen". Die Illusionen mögen sich verflüchtigt haben, doch die Träume sind geblieben: von einem "erstmals gelebten Sozialismus, der die Menschen nicht lähmt, sondern ihnen beibringt, für sich und den anderen da zu sein", von einer Welt, "in der Waffen verpönt sind", von einer "Werteverschiebung", die alles beseitigt, was Chauvinismus aufkommen lassen kann.

Als Jüdin in Deutschland, deren Familie im Namen ebendieses Landes umgebracht wurde, fühlt sie sich "zur Zeit" dennoch nicht als Opfer. Sie bezieht Positionen, die für manche befremdlich wirken mögen: "Vielleicht berühren mich die Schändungen jüdischer Friedhöfe nicht besonders, weil meine Toten gar keine Gräber haben. Ich werde nur wild, wenn es um Lebende geht."

Doch der Wildheit und dem offen bekannten Haß stehen die Einfühlsamkeit und die mitmenschliche compassion gegenüber. In einer ihrer bewegendsten Reportagen schildert Peggy Parnass, wie sie zusammen mit Serge Klarsfeld in Hamburg nach langer Suche endlich einen alten Nazi-Verbrecher in seiner Wohnung aufspürt: "Der Mann schlotterte vor Angst. Die blasse Stirn schweißnaß. Aber ich war nicht in der Lage, darüber zu schreiben. Den Mann den Lesern auszuliefern. So eine furchtbare Angst – jahraus, jahrein dachte ich, ist Strafe genug."

Stimmen wie die von Peggy Parnass werden in dem zunehmend uniformen Chor der öffentlichen Meinung hierzulande immer seltener; um so wichtiger sind sie für uns alle.

Schade nur, daß sich in dem vorliegenden Band eine ganze Reihe von Beiträgen findet, die man schon in anderen Publikationen gelesen hat. Der Verlag mag das Recycling alter Texte nötig haben. Peggy Parnass mit Sicherheit nicht.

Klaus Bednarz