Radovan Karadžić, Führer der bosnischen Serben, ist ein Medienstar. Unermüdlich sucht der Mann mit der Mähne das Licht der Kamerascheinwerfer, stetig füttert er die Nachrichtenagenturen der Welt mit unbotmäßigen Worten von mäßiger Weisheit. Nur neulich in Pale, seinem Hauptquartier, da liefen keine westliche Kamera und kein westliches Tonband. Der serbische Potentat hielt eine Rede vor seinem „Parlament“ – zum Weihnachtsfest der Orthodoxie im Januar. Karadžić, der promovierte Psychiater und Gelegenheitsdichter, demonstrierte seine literarischen Potenzen. Er zeigte zugleich, wie er seine Serben gegen den Druck der Weltgemeinschaft aufrichten will. Die Belgrader Zeitschrift „Duga“ druckte die Rede ab. Ein Auszug:

Sechshundert Jahre lang dauert das Leiden des zerteilten Serbentums, ist das Wehklagen der vom Ganzen abgetrennten Teile zu hören und währt die Sehnsucht des Ganzen nach seinen getrennten Teilen wie das Wehklagen der Waisen nach der Mutter und die Sehnsucht der Mutter nach den verlorenen Kindern. Sechshundert Jahre leben die Serben von der Erinnerung an den einstigen Ruhm und vergangene Größe und pflegen die Wunden, die dem Volke der Untergang des serbischen Reiches geschlagen hat. Ebensolang halten die Bemühungen an, die verschiedenen Spaltungen und Teilungen zu überwinden, die die Sklavenexistenz unter verschiedenen Tyranneien hervorgerufen haben. Obwohl wir einstmals die führende Nation waren, hat die Unterwerfung dazu geführt, daß wir hinter den anderen europäischen Nationen zurückgeblieben sind. Wir haben uns bei der Herausbildung des Staates und der Nation verspätet, aber wir sind in allem führend geblieben, was aus dem Leiden und dem Dulden der Geistigkeit und dem Edelsinn zuwächst, die uns die Lehre Christi gebracht hat...

Einem kulturfeindlichen Druck des seelenlosen Westens ausgesetzt, quälten wir uns mit unserer verlorengegangenen Identität, wobei wir uns mit allen Kräften bemühten, die Aufgabe zu erfüllen, die uns der Westen stellte: uns aufzugeben. In dieser Weise ausgelöscht, wurden wir dem gewaltigen Anmarsch des aggressiven islamischen Ostens ausgesetzt. Aber das brachte auch den Umschwung. Fünf Jahrhunderte Erfahrungen mit dem Islam ermöglichten uns, die unmittelbaren Ziele unserer Feinde zu sehen. Zwar findet unser nationales Sein keinen Weg des Widerstandes gegen den pseudochristlichen Westen, dafür ist es aber in der Lage, die uralte Gefahr von Seiten des islamischen Oktopus zu erkennen, der sich zwar geschickter Verkleidungen bedient, aber trotz all seiner Wendungen und allen Auf und Abs in seiner Unversöhnlichkeit gegenüber dem serbischen orthodoxen Wesen konstant bleibt...

Obwohl aufgespalten und nicht existierend, wurde Bosnien-Herzegowina von den westlichen Ländern anerkannt, von den gleichen Motiven und den gleichen Kräften geführt, die seinerzeit Bosnien und die Herzegowina als eminent serbische Länder aus dem Elend des türkischen Reiches herausgelöst und Österreich-Ungarn übergeben haben. Auch heute ist der Westen so wie einst vorgegangen. Aber das waren jetzt nicht mehr die Serben, deren Versklavung man plante. Das waren neue Serben, mit der Erfahrung des Genozids, der Erfahrung des Protektorats, der Erfahrung der eigenen Uneinigkeit. Das waren Serben, die nicht mehr eine amorphe bosnische Masse sein wollten, das war ein Volk, das sein Schicksal aus dem nebelhaften Bosniertum herauslöste und seine nationalen und staatlichen Rechte territorialisierte, zuerst in den Serbischen Autonomen Gebieten, dann in seinem Staat...

Serbien ist ein Weltwunder, Serbien ist Vorbild für Länder und Nationen, Serbien ist Gottes Werk, es ist der Fels, an dem Imperien, Weltordnungen und -unordnungen zerbrechen. Indem Serbien besteht, ist Serbien groß. Seine Größe mißt sich an dem Haß seiner Feinde, sein Glanz entspricht der Menge des Schmutzes, mit dem unsere Feinde vergeblich versuchen, diesen Glanz zu verdunkeln. Unser Ziel ist die Vereinigung mit Serbien. Das ist unser Recht, so wie es das Recht des Vogels ist zu fliegen oder der Blume, zu duften und sich mit Farben zu schmücken.

Übersetzung von Wolfgang Libal