Von Michael Thumann

Sofia

Klafter um Klafter türmt sich das Brennholz neben den Hauseingängen. Harzgeruch hängt im feuchtkalten Nebel. In Jasenko, am Rande des östlichen Balkangebirges, heizen die Menschen wieder mit Holz. Wir kauern in der Amtsstube des Bürgermeisters mit Teetassen um einen Kanonenofen. „Niemand von uns kann hier noch Heizöl bezahlen“, entschuldigt er die Kälte im Raum. „Die Preise sind uns davongelaufen.“ Nicken in der Runde. Die Preise sind die größte Sorge der Menschen seit dem Zusammenbruch des Kommunismus vor gut vier Jahren. Fast achtzig Prozent Inflation im Jahr machen vor allem den armen Bewohnern Ostbulgariens zu schaffen. Dort leben die meisten Türken. Auch Jasenko ist ein türkisches Dorf.

„Brot, Kleidung, Strom, alles ist fünfzehnmal so teuer wie früher“, schimpfen zwei Bauern beim Bürgermeister. „Unser Getreide dagegen können wir nur weit unter Preis losschlagen.“ – „Und den Tabak will niemand haben, er verdirbt auf dem Feld.“ – „Es wird ein böses Spiel getrieben: Bulgaren aus Sofia bekommen unser Ackerland zugeschlagen.“ – „Und wir Türken gehen wie immer leer aus!“

Die Rückgabe des Eigentums aus vorsozialistischen Zeiten hat die Dörfer gespalten. Wer hat Anspruch auf Land seiner Vorfahren und wer nicht? Türken und Bulgaren belauern einander. Derweil zerfallen die alten Produktionsgenossenschaften, fruchtbare Erde liegt brach, die Arbeitslosigkeit ist in manchen Regionen bis auf neunzig Prozent gestiegen. „In den fünfziger Jahren hat man uns mit Gewehren in die Genossenschaft gezwungen, jetzt zerschneidet man unser Gemeinschaftsland in schmale Handtücher!“ – so geht die Klage in Jasenko. Die Not des Übergangs macht aus den Menschen Gegner der Reform.

Auch gegen die Privatisierung der Industrie regt sich starker Widerstand. Fabriken und Behörden werfen Sand ins Getriebe der Reform. Manche der Kombinate, die die Luft verpesteten, dürfen ihre Schlote nicht mehr rauchen lassen. Einige Betriebe wurden teilprivatisiert: etwa die lukrative Verkaufsabteilung. Jetzt floriert die private Schmarotzerfirma, aber die kostenfressende Produktion fällt weiter dem Staatssäckel zur Last. Von den hochverschuldeten Großkombinaten ist noch keines umgewandelt – sie dümpeln langsam in die Pleite. Darüber können auch die glitzernden Auslagen der Einzelhandelsgeschäfte in Sofia nicht hinwegtäuschen. Das Land leidet nicht unter Versorgungsschwierigkeiten, aber es lebt auf Pump. Während westliche Jeans und fernöstliche Elektronik die Bulgaren beglücken, sind den einheimischen Exporteuren die Märkte weggebrochen. Wer will in Osteuropa noch Tabak aus den Rhodopen kaufen, seit der Marlboro-Cowboy seinen Siegesritt begonnen hat? Welcher Ostdeutsche kann noch Konserven vom Balkan finden, nachdem die EU-Bruderländer die Supermärkte erobert haben? Europa hat Bulgarien vergessen.

„Seit es beim Nachbarn brennt, können wir im eigenen Haus nicht mehr ruhig schlafen“, klagt Parlamentspräsident Jordan Schkolagerski. Das UN-Handelsembargo gegen Restjugoslawien treffe sein Land hart, aber Ausgleichszahlungen des Westens gibt es nicht. Man stelle sich vor, sagt er, Deutschland müßte von heute auf morgen den Handel mit Frankreich stoppen. Wegen der Sanktionen liegt Serbien wie ein Riegel zwischen Bulgarien und Europa. Bisher war jeglicher Transit durch das Parialand verboten, demnächst dürfen Agrargüter nach komplizierter Genehmigungsprozedur der Uno passieren. Lastwagen mit anderen Waren müssen sich durch ein Nadelöhr nach Norden quälen: im Dauerstau über die einzige Donaubrücke bei Ruse und dann weiter durch die rumänischen Karpaten nach Ungarn.