Das war der grauenvolle Alltag im serbischen Lager Omarska: Ausgemergelte bosnische Muslime und Kroaten, die Gras und Dreck aßen, um ihren Hunger zu stillen, tagelange Quälereien, Exekutionen. „Wer nur sind diese Folterer?“ fragten britische Reporter im Sommer 1992 entsetzt. Am vergangenen Montag wurde der erste mutmaßliche Täter in München verhaftet. Der 38jährige Serbe Duško Tadic wird der Beihilfe zum Völkermord, des Mordes und der gefährlichen Körperverletzung beschuldigt.

Es ist das erste Mal, daß die deutsche Justiz von einer seit vierzig Jahren bestehenden gesetzlichen Ermächtigung Gebrauch macht: Wer des Völkermordes oder anderer Kriegsverbrechen verdächtigt wird, kann nach deutschem Strafrecht in der Bundesrepublik verhaftet, angeklagt, verurteilt und eingesperrt werden – gleich, wo er die Tat begangen hat.

Weltrechtsprinzip heißt dieser Grundsatz. Er sollte garantieren, daß KZ-Wächter und Massenmörder im Ausland nie wieder vor Strafe sicher waren. So verpflichten inzwischen die „Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes“ und die Genfer Rot-Kreuz-Abkommen alle Vertragsstaaten, Kriegsverbrechen und Völkermord unabhängig vom Tatort zu bestrafen.

Das hehre Prinzip stand bislang nur auf dem Papier. Entweder erfuhr die Justiz nichts, oder sie stellte die Ermittlungen schnell wieder ein – aus Mangel an Beweisen. Dutzende von Dokumentationen belegen nun Folter, Mord, Vergewaltigungen, Vertreibungen im ehemaligen Jugoslawien. Sie nennen Lager, Opfer, Täter, Zeugen. Und erstmals glauben auch die Bundesanwälte, einen Täter überführen zu können: Duško Tadić soll im Juni 1992 im Lager Omarska Gefangene mit Gewehrkolben geschlagen und drei Menschen ermordet haben. In zehn weiteren Fällen ermittelt Karlsruhe noch, meist gegen Unbekannt.

Gleich ob die Beweise am Ende zu einer Anklage und Verurteilung ausreichen: Endlich nimmt die Justiz den Grundsatz ernst, daß Kriegsverbrecher nirgendwo auf der Welt ruhig schlafen dürfen. Martin Klingst