Von Sadruddin Aga Khan

GENF. – Das Massaker auf einem überfüllten Marktplatz in Sarajevo hat brutal vor Augen geführt, wie wenig es westlichen Führern und den Vereinten Nationen bislang gelungen ist, den Völkermord in Bosnien zu beenden. Gleichzeitig wird die einzige Chance, diesem leidgeprüften Land ein wenig Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, von der internationalen Gemeinschaft diskret unterminiert: Das internationale Kriegsverbrecher-Tribunal, das im vorigen Jahr mit großem Medienspektakel eingerichtet wurde, arbeitet ohne große Wirkung. Die UN-Kommission für Kriegsverbrechen, deren Aufgabe es wäre, Beweise zu sichern, wird schon bald aufgelöst werden. Und zwar von denselben Staatsmännern, die das Tribunal zuvor in großen Worten gelobt hatten – wenigstens in der Öffentlichkeit.

Für die Menschen in Bosnien, die ihre Familien, Häuser, Gemeinschaften, ihre Heimat verloren haben, wären die langwierigen internationalen Prozesse gegen die serbischen und kroatischen Führer Slobodan Milošević, Franjo Tudjman, Radovan Karadžić und ihre Generäle gewiß nicht mehr gewesen als ein bitterer Trost. Aber die Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse haben gezeigt, daß die Abrechnung mit einem skrupellosen Regime beiden Seiten – Tätern und Opfern – die Möglichkeit gibt zu einem Neuanfang. Sie könnte im Fall Jugoslawiens nun in weite Ferne rücken.

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Butros Butros-Ghali, erklärte, er gehe davon aus, daß die Kommission für Kriegsverbrechen ihre Arbeit bis spätestens April abwickeln werde. Dieses abrupte Ende der Untersuchungen, noch bevor das Tribunal seine eigentliche juristische Arbeit aufgenommen hat, zeigt bereits Folgen. So werden Zweifel laut, ob das Tribunal überhaupt noch legitimiert sei, die vollständige Exhumierung eines Massengrabes kroatischer Opfer in Vukovar fortzuführen. Auch die weiteren Ermittlungen gegen mutmaßliche serbische Kriegsverbrecher und gerichtliche Verfolgungen sind davon betroffen.

Die Verantwortlichen internationaler Politik bemühen sich nach Kräften, serbische und kroatische Führer von ihrer Schuld reinzuwaschen – aus Gründen politischer Zweckmäßigkeit: Sie sollen am Verhandlungstisch bleiben. Vermutlich haben viele internationale Unterhändler, die ursprünglich die Idee eines Kriegsverbrecher-Tribunals unterstützt haben, nie ernsthaft an seine Etablierung geglaubt. Für sie war die Idee ein bequemes Alibi, um Menschenrechtsaktivisten und andere Freunde Bosniens ruhigzustellen. Für diejenigen aber, die die feige Haltung des Westens in diesem brutalen Krieg kritisiert hatten, war das Tribunal von großer Bedeutung: Es bot immerhin ein Mindestmaß an Berechenbarkeit.

Gewiß, es war nie sehr wahrscheinlich, daß hochrangige Verantwortliche vor Gericht gestellt worden wären. Doch die erfolgreiche Strafverfolgung von lokalen Kommandanten und Extremisten, die Massenvergewaltigungen und Mord nach Kräften förderten, hätte nach dem Krieg einen Heilungsprozeß ermöglicht.

Gegenwärtig aber wird das internationale Tribunal neutralisiert. Nur eine Fassade, so scheint es, wird bleiben – eine, die mit Sicherheit keine peinliche Strafverfolgung nach sich ziehen wird. Ein geschickter machiavellistischer Schachzug.