Die Umweltpolitik zerrinnt – Edda Müller kommt. Die um den Schutz von Klima und Landschaft, um die Bewahrung der Gesundheit und die Schaffung einer umweltverträglichen Zukunft des Standorts Deutschland ringenden Politiker in Bonn und in den sechzehn Landeshauptstädten stehen mit dem Rücken zur Wand. Doch da hat sich eine entschlossen, ins Rampenlicht der Politik zu treten, die wie niemand sonst Theorie und Praxis des Öko-Geschäftes kennt und trotzdem selbst bisher fast unbekannt geblieben ist: Edda Müller, 51, noch Ministerialdirigentin im Bonner Umweltministerium. Vom 4. März an wird sie dem glücklosen Naturwissenschaftler Berndt Heydemann im Amt des schleswig-holsteinischen Umweltministers folgen – und in Klaus Töpfers Reihen eine Lücke hinterlassen, die schwer zu schließen sein wird. Ihr hatte der Bonner Umweltminister nämlich die Unterabteilung mit dem Titel „Ökologische Grundfragen der Industrie- und Freizeitgesellschaft“ anvertraut, in der nicht nur die große Umweltkonferenz in Rio vorbereitet wurde, sondern auch das Herzstück der Bonner Umweltpolitik organisiert wird: die Verminderung der Kohlendioxid-Emissionen, das komplizierteste und in der Öko-Gemeinde gleichwohl populärste Thema.

Fortan wird Edda Müller selbst Politik gestalten. Sie wird es zumindest versuchen – und vielleicht eines Tages ihre Erfahrungen als Politikerin bündeln und aufschreiben, so wie sie es schon einmal als Wissenschaftlerin tat, als sie ihre Doktorarbeit mit dem Titel „Innenwelt der Umweltpolitik“ zu Papier brachte. Auf exakt 600 Seiten sezierte sie die Umweltpolitik der sozial-liberalen Koalition.

Damals, Mitte der achtziger Jahre, kam die Politologin zu einem ernüchternden Ergebnis, wies nach, daß die Umweltpolitik in starkem Maße konjunkturabhängige Schönwetterpolitik ist, und meldete auch ihre Zweifel an, ob die Einrichtung eines eigenen Bonner Umweltministeriums der richtige Weg sei. In jüngster Zeit fand sie sich bestätigt: Wieder ging es mit der Wirtschaft bergab, wieder wurde der Umweltschutz als angeblicher „Jobkiller“ zum Prügelknaben. Dabei; sagt Edda Müller, „sollten gewisse Dinge mittlerweile Allgemeingut sein“: daß Umweltpolitik im Zeichen der Wirtschaftskrise eher Chance als Risiko ist, eher Innovationsmotor als Drosselklappe des Fortschritts. Mit dieser Einschätzung liegt sie übrigens voll auf Töpfers Linie, von dem sie denn auch ganz und gar nicht im Groll scheidet.

Gleichwohl: Spricht aus der Analyse nicht eine gehörige Portion Resignation? Edda Müller sieht es anders. Schließlich hat sie in zwanzig Jahren Verwaltungserfahrung im Innenministerium, Kanzleramt, Umweltministerium und Umweltbundesamt gelernt, mit Enttäuschungen umzugehen. Edda Müller ist eine unaufgeregte Realistin.

Nur das Treiben der FDP, der sie mehr als zwanzig Jahre lang angehörte, wurde ihr in jüngster Vergangenheit zu bunt. Die Freidemokraten hätten sich zu einer reinen „Manchester-Liberalismus-Partei“ entwickelt und gefährdeten den sozialen Frieden, sagt sie. Im November vergangenen Jahres kehrte sie der Partei den Rücken und schuf so die Voraussetzung für ihr Engagement in der schleswigholsteinischen SPD-Regierung.

Der Reiz der Aufgabe: Nachdem das bundesrechtliche Instrumentarium der Umweltpolitik recht inzwischen und schlecht stehe, gelte es nun, die Spielräume auf Landesebene zu nutzen – bei der Entwicklung der Infrastruktur, des Tourismus oder des Meeresschutzes beispielsweise. „Eigentlich“, sagt Edda Müller, „bin ich gar nicht so pessimistisch.“ vo