Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau

Sie stimmen mit uns..., sie stimmen gegen uns..., sie stimmen mit uns... Ratlos blätterten westliche Politiker und Publizisten durch die Stellungnahmen der russischen Regierung zum Nato-Ultimatum an die bosnischen Serben. Tagelang standen die Russen in den Schlagzeilen allein gegen alle, gegen die Verteidigung der menschlichen Zivilisation. Dann wieder vollzogen sie eine "überraschende Wende", einen unerwarteten "Sinneswandel".

Das erneuerte Klischee vom Moskauer Bären, der – nun in Gestalt von Präsident Jelzin und Außenminister Kosyrew – wieder seine imperialen Pranken nach allen möglichen Einflußzonen ausstreckt, verstellte den Blick auf die russischen Realitäten im bosnischen Drama. Daß die angedrohten Luftangriffe auf die serbischen Stellungen in Wirklichkeit eine existenzgefährdende Belastungsprobe für Rußlands noch halbwegs reformorientierte Regierungskräfte bedeuten und deshalb einen diplomatischen Balanceakt erforderten – das fand kaum Eingang in die Interpretationsversuche. Die Strategie der russischen Diplomaten, mit Rücksicht auf die patriotisch-nationalistische Heimatfront zunächst markige Opposition gegen den Nato-Beschluß zu demonstrieren und diese dann allmählich zu deeskalieren, war für die westliche Öffentlichkeit kaum erkennbar.

Die Taktik, den möglichen Luftangriffen immer weniger frontal und zunehmend verbal entgegenzutreten, belegte Jelzins Sprecher Kostikow an diesem Dienstag mit der Formel: Nato-Lufteinsätze gegen serbische Stellungen wären psychologische Tiefschläge gegen das Nato-Programm einer "Partnerschaft für den Frieden". Schon in der vergangenen Woche aber hatte Rußlands herausragende Zeitung Iswestija den Zwang zur Realpolitik, dem Jelzin trotz aller nationalistischkommunistischen Gegenströmungen folgen muß, präzise beschrieben:

"Man muß wahrhaftig über eine reiche Phantasie verfügen, um sich vorzustellen, daß die russische Regierung ihr Volk in einen nuklearen Krieg stürzen wird, nur damit die Soldaten Radovan Karadzics in Ruhe Sarajevo belagern und ihre Geschütze fünf Kilometer und nicht zwanzig Kilometer vom Stadtzentrum in Stellung halten können ... Bei der Unterstützung der Serben lassen sich die russischen Regierungsämter vor allem von der Logik des innenpolitischen Kampfes leiten. In Wirklichkeit hat Moskau keinerlei ernsthafte ökonomische oder politische Interessen in Serbien. Auch wenn Jelzin und Kosyrew zur Schlußfolgerung gelangt sind, daß die Bereitschaft zum diplomatischen Konflikt mit dem Westen ihre Position innerhalb des Landes stärkt, bleibt es für sie doch vorrangig, die Grenzen, nicht zu überschreiten..."

Die Suche nach einem Ausweg aus dem Bosnien-Dilemma hatte vergangene Woche zwar mit Außenminister Kosyrews Warnungen vor "schwersten Konsequenzen" (im Telegramm an UN-Generalsekretär Butros-Ghali) und mit seinem "Nein zur Eskalation des Konflikts durch Lufteinsätze" begonnen. Doch Anfang der Woche steckte Jelzin die Grenzen eines Bruchs mit dem Westen ab. Nach den Verhandlungen mit seinem britischen Gast John Major, der ja nicht gerade zu den Einpeitschern des Nato-Ultimatums gehört hatte, verkündete der russische Präsident, Moskau und London stimmten nun weitgehend überein: "Alles schwere Gerät ist der Uno zu überstellen. Verhandlungen für eine friedliche Lösung müssen sich anschließen." Damit ist der Ball erst einmal im Feld der Serben. Wie hat sich diese Position entwickelt, wie weit reicht sie?