Daß selbst große Philosophen nur einen wesentlichen Gedanken haben, diese von Schopenhauer bis zu Heidegger reichende Überzeugung trifft auch auf den österreichischamerikanischen Wissenschaftsphilosophen Paul Feyerabend zu. Ein einziger Satz hat ihn berühmt gemacht: "Anything goes", "alles geht", wortwörtlich übersetzt; "mach, was du willst!" – so die eigentliche Botschaft.

Gemeint ist damit freilich kein Aufruf zur moralischen Libertinage, kein Enthemmungsprcgramm. Es geht vielmehr um die Kritik an der beherrschenden Kirche der Neuzeit: um Wisserschaftskritik, um die Auseinandersetzung mit dem Dogmatismus, der hinter der Fassade der Rationalität – so Feyerabend – gerade den "harten", den Naturwissenschaften innewohnt. Sie schreiben verbindliche Regeln für die Logik der Forschung vor. Sie lassen die Einhaltung dieser Regeln von wissenschaftlichen Priestern überwachen, die sich Experten nennen. Kurz: Sie glauben paradoxerweise daran, daß es so etwas wie eine reine methodische Vernunft der Wissenschaften gibt.

Wenn der Vergleich nicht etwas zu hoch gegriffen wäre, intendierte Feyerabend eine Fortsetzung der Kritik der reinen dogmatischen Vernunft. "Erkenntnis für freie Menschen" lautet einer seiner programmatischen Titel, "Wider den Methodenzwang. Skizze einer anarchistischen Erkenntnistheorie" sein Hauptwerk, das die frohe Botschaft von der wissenschaftlichen Libertinage verkündete. Kant hätte sich dabei freilich im Grabe herumgedreht: Eine anarchistische Erkenntniskritik – nein, so hatte er es nicht gemeint. Und wenn sich heute jedermann und jedefrau von der Ambratherapie über die extraterrestrische Weizenfeldforschung bis zur Reinkarnationsgymnastik und den höheren Sphären der "Angelologie" (auf plattdeutsch: der Engelswissenschaft) im Selbstversuch die höchstpersönliche eigene Wissenschaft schreibt und verschreibt, dann scheint Feyerabend mitten unter ihnen: jeder ein praktizierender Feyerabendianer.

Er hat als einer der Säulenheiligen der Postmoderne die Inflationierung der (Pseudo-)Wissenschaften mit auf den Weg gebracht, die jeder halbwegs vernünftigen Analyse spottet. Ein Wissenschaftsphilosoph, der zum Guru, zu einer Art Voodoo-Priester der Erkenntnistheorie wurde.

Seine sympathischste Rolle war die des Dadaisten einer erklärt "Fröhlichen Wissenschaft".

Dabei lohnt es, noch einmal an den durchaus rationalen Kern der Feyerabendschen Wissenschaftskritik zu erinnern. Ihm war aufgefallen, daß die großen kreativen Neuerungen in der Geschichte der Wissenschaften von Kopernikus bis zu Einstein durch kühne, provozierende Hypothesenbildungen, ja, die Verletzung bis dahin für gültig gehaltener wissenschaftlicher Regeln zustande gekommen sind. Daß Kopernikus wie Einstein zugleich der besseren Einsicht, dem überzeugenderen Argument gefolgt sind, also die Rationalität keineswegs prinzipiell außer Kraft gesetzt haben, irritierte Feyerabend nicht.

Er leitete aus seinen historischen Beobachtungen eine Ermunterung ab: Habe als Wissenschaftler Mut, dich deines eigenen Verstandes ohne Rücksicht auf die Normen des wissenschaftlichen Establishments zu bedienen! Sein sogenanntes Proliferationsprinzip plädierte für die ständige Neuschöpfung ausgefallener Theorien. Ein konsequenter Methodenpluralismus, im weiteren Sinn ein umfassender Relativismus war die Schlußfolgerung. Im Grunde nährte er die Wissenschaften, mit ihrem Rationalitätsverständnis Disziplinen des Singulars, den Künsten an, seit je die Dimensionen des Plurals. "Wissenschaft als Kunst" heißt ein weiterer programmatischer Text Feyerabends; auch die Wissenschaften sollten nur eine glückliche Anarchie kennen, in der alles gleich "unmittelbar hin zu Gott" war. Kein Zufall, daß der am 13. Januar 1924 in Wien geborene Feyerabend mit dem Studium musischer Fächer in Weimar begonnen hatte, bevor er sich dann auf dem Boden des logisch-positivistisch bereinigten Wien den Naturwissenschaften und der Erkenntnistheorie zuwandte.