Von Hajo Steinert

Bei einem guten Thriller verliert man leicht das Bewußtsein für das, was man tut. Ich verschlinge ihn, heißt es. Ich ziehe ihn mir hinein; indes kaum: Ich lese. Der gelungene Thriller legt der literarischen Kritik das Handwerk. Mit Erfolg appelliert er an außerliterarische Instinkte. Der professionelle Leser zieht sich in einem solchen Falle aus der Affäre, indem er verlegen zwischen "anspruchsvollem" und "naivem" Leser unterscheidet.

Wer regelmäßig Thriller liest, kann mit solchen Unterscheidungen nichts anfangen. Er ist weder ein "anspruchsvoller" noch ein "naiver", sondern eher ein glücklicher Leser. Der Thrillerverschlinger hat ein vertrauensvolles Verhältnis zum Schöpfer seines Gerichts. Er hält es nicht für nötig, dessen Handwerk zu untersuchen. Er setzt die richtige Dosierung der Gewürze stillschweigend voraus und ist voll und ganz damit beschäftigt, den verbrecherischen Taten im Text auf die Spur zu kommen. Er ist ein Komplize der detektivisch agierenden Hauptfigur – eine Form von Intimität, die den Leser beglücken kann.

Bei einem herausragenden Thriller wird der Text nicht mehr als Text wahrgenommen. Beim Umblättern beginnen die Zeilen zu fliegen und zu flimmern, Satzanfänge werden zu Szenenwechseln, Kapitel zu Sequenzen, das Buch wird zur Leinwand. Der Leser wähnt sich an einem Ort, wo alles viel schneller und schöner und schrecklicher zugeht als im Roman oder im richtigen Leben – nämlich im Kino. Das ist bei Peter Høeg nicht anders als bei John Le Carré.

Allerdings: Der 37jährige dänische Autor beweist in seinem zweiten Roman nicht nur ein ganz außerordentliches Gespür für die grellen Effekte eines kinotauglichen Thrillers, er spielt auch literarische Fähigkeiten der stilleren Art aus. Wie bei einem Drahtseilakt hält der ehemalige Matrose, Tänzer und Schauspieler Høeg die Balance zwischen Thriller und Bildungsroman, Action und Poesie, Jules Verne und Sigmund Freud. Manchmal freilich gerät er ins Wanken und führt dem Betrachter jäh vor Augen, daß er sich nicht in einem Film befindet, sondern noch immer in einem Buch, mit all seinen Falltüren, die sich öffnen, wenn der Künstler auf dem Seil mit schweren Brocken jongliert.

Der schwere Brocken in diesem Roman ist ein Meteorit in einem grönländischen Eisberg. Er ist nicht nur Ziel einer durchaus atemberaubenden Odyssee, sondern auch allegorisches Zentrum einer zivilisations- und wissenschaftskritischen sowie ethnopolitischen Botschaft. Erfolgsgeile, skrupellose, geldgierige Wissenschaftler wollen bei tatkräftiger Unterstützung mafioser Unternehmen den Meteoriten nach Dänemark schiffen – ist er doch vielleicht für die Kernenergie nützlich. Schon einmal nahmen sie bei den Bergungsversuchen des unförmigen Steins den Tod von Hilfsarbeitern aus den Reihen der Eskimos in Kauf. Deren Leichen eignen sich, weil ganz gräßliche Parasiten in ihren Körpern gefunden wurden, bestens für medizinnobelpreisträchtige Experimente. So geschehen bei früheren Expeditionen, von denen in Rückblenden erzählt wird.

Daß die nunmehr romanumfassende dritte Expedition etwas anders verläuft, liegt an Smilla, der sagenhaften Heldin dieses arktischen Seeabenteuers. Smilla: Glaziologin, Misanthropin, Racheengel, Emma Peel und Jeanne d’Arc, Rambo und Greenpeace-Vorkämpferin in einer Person, sarkastisch, gelegentlich sentimental, mit Klugheit geschlagen. Schnee und Eis sind ihr lieber als die Liebe. Es fällt ihr leichter, sich für die Mathematik zu interessieren, als ihre Mitmenschen zu mögen. Newton ist ihr einziger Bruder im Geiste, Euklids "Elemente" ihre liebste Lektüre, bei Brahms indes weint sie hemmungslos. Es fällt schwer, diese Smilla zu mögen, und doch sind wir seltsam von ihr fasziniert, uferlos hingezogen zu diesem Eisberg aus Leidenschaft und Intelligenz.