Von Wolfgang Benz

Sind die Frauen zu schön und die Schurken zu schändlich, die Kinder zu herzig und rührend gezeichnet, ist das Elend der Verfolgung und Vernichtung der Juden in Kraukau zu opernhaft inszeniert? Ja, sicherlich, und die Musik schmachtet hintergründig arg. Viele weitere Einwände – gegen nicht stimmende Details, gegen die Überzeichnung von Personen, gegen die Nichterreichbarkeit von Authentizität – könnte man vom Katheder des ernsten Historikers herab verkünden. Aber was bewirken solche Vorbehalte, geäußert in der Furcht, Geschichte könnte zum Melodram verkommen? Nichts außer Selbstbeschäftigung der akademischen Zunft, denn die Welt liegt im Schindler-Fieber, ausgelöst durch einen monumentalen Film, den die Medien zum Ereignis machten, noch ehe er in die Kinos kam.

Vergleichen läßt sich das öffentliche Ereignis der zum Leinwandepos stilisierten Geschichte des kleinen Lebemannes Oskar Schindler, der zum Judenretter, zum Helden wird, nur mit der Fernsehserie "Holocaust". Ende der siebziger Jahre hatte der Vierteiler aus Amerika einen Sturm der Emotionen in Deutschland ausgelöst: Die von beklommenen Rundfunkhierarchen und beamteten Aufklärern pädagogisch unterfütterte Ausstrahlung der Serie in den dritten Programmen zum Judenmord wurde vom Publikum ganz anders aufgenommen, als erwartet und befürchtet worden war. Eine Woge des Angerührtseins spülte die Sprachlosigkeit hinweg, in der die Mehrheit der Deutschen, die Täter und Mitwisser und ihre Nachkommen, erstarrt war. Zu Zehntausenden riefen die Bürger in den Funkhäusern an, schrieben Briefe, wollten das lähmende Grauen, das sich im Verschweigen und Verweigern in den Jahrzehnten nach 1945 noch gesteigert hatte, durch Reden und Erinnern überwinden.

Der deutschen Sprache hat das damalige Medienereignis die Inflation der Vokabel "betroffen" eingebracht. Ob ein langzeitiger Aufklärungserfolg vom Trivialstück über die fiktionale Geschichte des Untergangs der deutschen jüdischen Familie Weiß ausging, wurde damals bezweifelt und kann bis heute nicht bewiesen werden.

Aber einmal wenigstens hatten die Deutschen in großer Zahl Anteil genommen, hatten nachgedacht und ein bißchen gefühlt, was vorgegangen war unter nationalsozialistischer Herrschaft, wie millionenfacher Mord an den Juden Europas erdacht, geplant, realisiert, vollendet worden ist.

Die Historiker freilich sahen das Spektakel nicht gern. Sie waren überwiegend böse und beleidigt, fanden eine beträchtliche Zahl von Unstimmigkeiten und falschen Details: An jenem Ort gab es zu dieser Zeit noch kein Lager, die Uniform eines SS-Unterscharführers hatte nicht solche Schulterstücke gehabt, der Stempel "Geheime Reichssache" wurde anders gehandhabt, als auf dem Bildschirm zu sehen war, und anderes mehr. Vor allem aber schien den Historikern das Unternehmen illegal gegenüber den strengen Gesetzen der Historiographie. Den "schwarzen Freitag für die Geschichtswissenschaft" konstatierte damals prophetisch der Spiegel, und in Fachzeitschriften wurde, gehörig zeitversetzt, die Klage aufgenommen über die Unzulässigkeit der trivialisierten Geschichtsbetrachtung im Kinosaal und auf den Bildschirmen. Selbst Martin Broszat, dem mangelnde Bereitschaft zur Öffentlichkeit gewiß nicht nachgesagt werden kann, der den Auftrag des Historikers als Aufklärer mit Überzeugung agierte, machte deutlich, daß ein "sorgsam erarbeitetes Geschichtswerk" mit größerem Recht als "ein in bezug auf historische Stimmigkeit eher unbekümmert inszenierter Hollywoodfilm" den Erfolg der breiten Resonanz verdient hätte.

"Holocaust" war natürlich kein schwarzer Freitag für die Geschichtswissenschaft (und zwar schon deshalb nicht, weil sich im Schlepp der Fernsehserie erhebliche Nachfrage nach seriöser gedruckter Information regte), "Holocaust" brachte allenfalls für die im Elfenbeinturm Sitzenden die schmerzliche Gewißheit, wie begrenzt die Reichweite streng wissenschaftlicher Mühen ist oder, positiv gesehen, die Erkenntnis, welch großer Aufklärungsbedarf besteht, daß das Publikum in der Mehrheit nicht stumpf und abweisend ist, daß es auch andere Methoden gibt als die Skala zwischen Seminararbeit und Habilschrift und daß man sich nicht hochnäsig den Notwendigkeiten und Bedürfnissen des Publikums verweigern darf.