Ein bißchen schwummerig ward manchen Abgeordneten zumute, als sie Anfang März 1969 über eine Luftbrücke von Westdeutschland nach Berlin flogen, wo sie einen neuen Bundespräsidenten wählen sollten. Die DDR hatte, aus Protest gegen die "provokatorische" Sitzung der Bundesversammlung in West Berlin, den Wahlmännern und frauen die Transitwege zu Lande versperrt, und die Sowjets veranstalteten Manöver und lehnten jede Verantwortung für die Sicherheit in den alliierten Luftkorridoren ab. Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, der sich von einer DC 9 der US Luftwaffe kutschieren ließ, sah, wie sich über Magdeburg zwei MiG Düsenjäger bis auf tausend Meter seiner Maschine näherten. Bei einigen Fluggästen machte sich Galgenhumor breit: "Mal sehen, ob wir in Schönefeld [dem Ostberliner Eine neue Berlin Krise lag in der Luft. Der Nervenkrieg um die geteilte Reichshauptstadt hatte sogar die mit Spannung erwartete Wahl aus den Schlagzeilen verdrängt. Die Amerikaner würden es schon irgendwie richten, trösteten sich die westdeutschen Politiker, hatte doch Präsident Richard Nixon wenige Tage zuvor bei seinem Besuch in Berlin die Sicherheitsgarantien des Westens bekräftigt. Dennoch bereitete die Teilblockade Ungemach. Jene sechs Stimmen, die der SPD nachher beim ersten Wahlgang noch fehlten, gehörten kranken Abgeordneten, denen man eine Flugreise nach Berlin nicht zumuten durfte.

In allen Parteien mehrten sich die Zweifel, ob es wirklich so weise gewesen sei, trotzig die Bundesversammlung wieder nach Berlin einzuberufen und damit die Supermacht Sowjetunion, die ein halbes Jahr nach der Invasion in die Tschechoslowakei ihr Verhältnis zum Westen entspannen wollte, herauszufordern. Da sich der altersschwache Bundespräsident Heinrich Lübke zu einem vorzeitigen Rücktritt entschlossen hatte, mußte die Wahl seines Nachfolgers vorgezogen werden. Bereits im Herbst 1968 legte sich Bonn auf den Wahlort Berlin fest. Die westlichen Alliierten nahmen es hin, wenngleich Präsident de Gaulle seine Bedenken nicht verschwieg.

Von Woche zu Woche verstärkten Moskau und Ost Berlin ihren Druck auf die Bundesregierung. Als diese Mitte Februar Fühler nach Moskau ausstreckte, um eine Krise noch abzuwenden, schien der Osten plötzlich einzulenken: Falls die Bundesversammlung verlegt werde, so erklärten Moskau und Ost Berlin, dürften die Westberliner zu Ostern mit Passierscheinen für einen Besuch im Ostsektor der Stadt rechnen. Doch Bundesregierung, Berliner Senat und die Parteien mißverstanden dieses Entgegenkommen als Erfolg einer konsequent harten Politik und schraubten den Preis noch höher: Nicht nur Ostern, auch Pfingsten, ja das ganze Jahr müsse die Sektorengrenze offen sein; andere verlangten neue Garantien Moskaus für die Transitwege; mit der DDR wollte man sich schon gar nicht mehr abgeben. Es kam, wie es kommen mußte: Anfang März fing die Volkspolizei an, mit Schikanen den Verkehr auf den Interzonenautobahnen zu stören. West Berlin meldete erste Hamsterkäufe. Die Sowjetunion setzte noch eins drauf ™"

und behauptete, in West Berlin würde Rüstungsmaterial für die Bundeswehr hergestellt.

Prompt setzte es scharfe Transportkontrollen.

Bonn mußte eine bittere Lektion lernen: Es B gab keine neue Ostpolitik an der DDR vorbei.

Waren die tausend Mitglieder der Bundesversammlung samt Troß auch heil nach Berlin gekommen, so stand noch keineswegs fest, ob sie den Wahlort, die Ostpreußenhalle auf dem Messegelände am Funkturm, mit heiler Haut erreichten. Denn die Apo, die vornehmlich von Studenten betriebene Außerparlamentarische Opposition, hatte den in Hotels untergebrachten Wahldelegierten "eine schlaflose Nacht" angedroht. Eingedenk der Straßenschlachten aus den Revolutionsjahren 196768 rief die Polizei die "Große Alarmstufe" aus. 8000 Polizisten beschützten die großen Hotels in der City und zogen eine streng bewachte Bannmeile von einem Kilometer rund um die Ostpreußenhalle.