Zum 100. Geburtstag der Feuilletonistin Gabriele Tergit

Richtig nett ist es, daß Suhrkamp sich nicht zu kostbar war, gesammelte „Berliner Reportagen“ der Feuilletonistin und Gerichtsreporterin Gabriele Tergit herauszugeben. So freundlich und nett wie der Einband. Sattgelb und geschmückt mit der bekannten, trubelnden, kippenden, quirlenden „Berliner Straßenszene“ von Nikolaus Braun. Ein vertriebener Maler, vertrieben wie sie. 1933.

Die Zeitungsarbeiten der Tergit hat der Berliner Journalist Jens Brüning ausgegraben und der Vergessenheit entrissen. Der 100. Geburtstag der Autorin steht am 4. März im Kalender. Brüning gab auch schon vor zehn Jahren ein Sammelbändchen heraus, „Blüten der Zwanziger Jahre“, damals mehr Gerichtsreportagen als Feuilletons enthaltend.

Diesmal nun: „Atem einer anderen Welt“. Einige Stadtreportagen zunächst, das Berlin der zwanziger Jahre. Einen ihrer Artikel im Berliner Tageblatt nennt Gabriele Tergit „Querschnitt“, der Titel ist so etwas wie ein Programm. Die Autorin schnappt Satzfetzen auf, beobachtet das hetzige Getriebe, läßt sich durch die Straßen und Cafés und Kabaretts treiben, setzt alles irgendwie aneinander, hurtig und treffsicher, knapp und pointiert und unterhaltsam vor allem. Wie gewöhnlich, was?

Gabriele Tergit schrieb hauptsächlich für die Unterhaltungsbeilagen der bügerlichen Großblätter, für Ullsteins Vossische Zeitung etwa oder Mosses Berliner Tageblatt. Als Berlinerin verfügte sie über entsprechendes Mundwerk, gab sich gern als Quasselstrippe. 1932 hatte Gabriele Tergit mit Gerichtsreportagen begonnen; zunächst im Berliner Börsen Courir, seit 1925 auch als Redakteurin beim Berliner Tageblatt. Diese justizkritischen Skizzen eher unscheinbarer Fälle machten sie bekannt. Und in Ossietzkys Weltbühne wurde sie schärfer, deutlicher, bezog klar und unmißverständlich Position. Sie mischte sich in Naziprozesse ein, zeichnete die Beweisaufnahme nach, schüttelte den Kopf über die Einäugigkeit. „So geht es zu. Ein Überfall auf ein Lokal – ein Gast schwer verwundet – niemand wird verhaftet – niemand wird bestraft – niemand wird verfolgt. Man weiß es, es ist der Sturm 33, dort in der Röntgenstraße, es ist der Terror. Aber keine Zeitung meldet mehr so etwas, keine Polizei gibt es als Nachricht weiter – es ist der Bürgerkrieg als Gewohnheit.“

Viereinhalb Monate später, Anfang März 1933, steht der Terror vor ihrer Tür, eben der SA-Sturm 33. Geistesgegenwart rettet ihr das Leben, am selben Tag beginnt ihre Flucht. Prag, Tel Aviv, schließlich, 1938, Übersiedlung nach London. Zehn Jahre später ist sie britische Staatsbürgerin, kehrt nach Deutschland nur noch als Besucherin zurück.

Die Veröffentlichung ihrer Lebenserinnerungen erlebt Gabriele Tergit nicht mehr. Am 25. Juli 1982 stirbt sie im Alter von 88 Jahren, erst im folgenden Jahr erscheint „Etwas Seltenes überhaupt“, ihr letztes Werk. Erinnerungen, die „deutsch-jüdisches Schicksal widerspiegeln, erlitten vor allem am Schauplatz Berlin“, wie es der Verlag auf der Rückseite des Buches anpreist.