Der physikalische Festvortrag ließe sich auch politisch interpretieren: "Zeit, Chaos und Unumkehrbarkeit". Doch während der belgische Nobelpreisträger Ilja Prigogine über nichtlineare Dynamik sprach, hatte so mancher in der Humboldt-Universität ganz andere Assoziationen. Denn der Festakt, der die Neukonstituierung des Physik-Fachbereiches feierte, spiegelt auch Zeitgeschichte wider. Und die erscheint in der Rückschau ebenso großartig wie heute trübselig.

Denn war nicht die Berliner Universität einst das Zentrum der naturwissenschaftlichen Welt? Hier unterrichteten am Institut für theoretische Physik in den zwanziger Jahren gleichzeitig Max Planck, Albert Einstein und Max von Laue; nebenan am chemischen Institut der Kaiser Wilhelm Gesellschaft erforschten Lise Meitner und Otto Hahn die Kernspaltung; John von Neumann und Eugen Wigner schrieben Papiere über Quantenmechanik, Meissner und Ochsenfeld erforschten die Supraleitung, Fritz Haber leitete das Institut für physikalische Chemie, und die Diskussionen auf den Berliner "Mittwochskolloquien" waren legendär.

Heute dagegen wird über die Schmerzen der deutschen Wiedervereinigung debattiert. Als vergangene Woche Erich Thies, der Berliner Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung, in seiner Festansprache "die Frage, die alle bewegt" formulierte, war dies keine physikalische, sondern eine politische. Rund 180 akademische und sonstige Mitarbeiter der Universität sind eigentlich gekündigt, müssen aber de facto weiterbeschäftigt werden, weil ihnen die zugedachten Kündigungsschreiben nicht rechtzeitig zugestellt wurden. All diejenigen Mitarbeiter, die im Zuge der Umstrukturierung befristete Zeitverträge annahmen, sind damit die Dummen.

Aufbruchsstimmung herrscht daher nur unter den neuberufenen Professoren. Die anderen blicken eher mit Bangen in die Zukunft. Daß der Fachbereich "sicherlich an Substanz verloren hat", gibt selbst der Vorsitzende der Struktur- und Berufungskommission, Ulrich Rößler aus Regensburg zu. Es habe aber keine Alternative zur Erneuerung gegeben. Alte Schwerpunkte wie die Kristallographie sind aufgelöst, neue wie die Elementarteilchenphysik geschaffen. Jetzt fehlen eigentlich nur noch die Studenten.

Vielleicht liegt das ja daran, daß deren Berufschancen von Jahr zu Jahr schlechter werden. So registrierte die Bundesanstalt für Arbeit im letzten Jahr noch ganze 35 offene Stellen für Physiker. Bei über 3000 Bewerbern entspricht dies einem Mißverhältnis von annähernd eins zu neunzig. Die große Zeit der Physik ist offenbar unumkehrbar vorbei. Da hilft nicht einmal die Chaosforschung. Ulrich Schnabel