Von Hans Harald Bräutigam

Tote Vierlinge in der Säuglings-Intensivstation, der Staatsanwalt ermittelt auf Anzeige des Chefarztes gegen eine Kinderärztin, Gutachter stellen nach Durchsicht der Krankenakten fest, daß elf weitere Frühgeborene durch Fahrlässigkeit den Tod gefunden hätten – wieder ein Medizinskandal? Mehr als das: Am Mautner-Markhof Kinderspital (MMKSP) im dritten Wiener Bezirk tobt das medizinische Establishment nachgerade mit Vernichtungswut gegen die Kinderärztin Marina Marcovich. Ihre Sünde: Sie hat den Pfad der reinen Apparatemedizin verlassen.

Dabei könnten ihre Erfahrungen lebensrettend für viele der Frühgeborenen sein, die tagtäglich in die Intensivstationen eingeliefert werden. Allein in Deutschland kommen jedes Jahr etwa 16 000 Babys mit einem Geburtsgewicht von weniger als 1500 Gramm auf die Welt. Und hierzulande, wie fast überall in den Industrieländern, werden die „Frühchen“ in einen Glaskasten gelegt, an Maschinen angeschlossen, werden zu einem Meßobjekt, zu dem die Ärzte oft nur noch technischen Zugang haben – und die Eltern gar keinen mehr.

Marina Marcovich hatte den Mut zu fragen, ob damit überhaupt etwas gewonnen wird. Das hat ihr den Zorn der Medizinpriester zugezogen. Zumal sie es nicht bei Fragen beließ.

Die neonatologische, also für Frühgeburten eingerichtete Intensivstation des MMKSP ähnelt ein wenig der Wohnküche eines Haushalts in der armen Nachbarschaft des Spitals. Freilich sind da noch die Liegestühle, auf denen die Mütter kampieren. Auf ihren nackten Bäuchen liegen, von Decken umhüllt, winzige Babys, manche kaum mehr als 500 Gramm schwer. Geflüsterte Zärtlichkeiten sind zu hören, die Kinder werden gestreichelt. Die acht Inkubatoren hingegen stehen leer, die Beatmungsmaschinen sind abgestellt. Lediglich die Monitore, mit denen Schwestern und eine Ärztin Atmung und Herzschlag der Winzlinge kontrollieren, erinnern an eine Intensivstation.

Dies ist das Reich der Marina Marcovich.

Wie eine Rebellin wirkt die vierzigjährige Medizinerin nicht, eher wie eine höhere Tochter aus den feinen Wiener Außenbezirken. Dort ist die Enkeltochter eines Anatomieprofessors der Wiener Universität auch zu Hause. Ihre Karriere verlief geradlinig; sie war bereits eine geachtete Kinderärztin, als sie sich der neonatologischen Intensivmedizin zuwandte. Sie folgte damit dem Rat ihres mittlerweile emeritierten ersten Chefs, des Primarius (so heißen die Chefärzte in Österreich noch immer) Walter Potacs.