Von Susanne Mayer

Beim Thema Streik müssen wir mal von Frauen wie Doris reden. Meine Freundin Doris wird vom Vater ihrer Kinder gerne „Hitler“ genannt. Weil, sagt Doris, sie Paul rumkommandiert habe, Bring-auch-malden-Müll-runter und Gib-mir-mehr-Geld, und da habe er sich wehren müssen, der Arme. Da sollte ich gegenhalten, „DU bist die Arme“, schreien, „DU mußt dich wehren“? Doris würde nie streiken. „Entweder du gibst den Männern ihre Ruhe“, sagt sie, und das ist als Rat gemeint, „oder du hast nur Ärger.“

Leute wie Doris und Paul sind der Zweikomponentenkleber in der Geschlechterhierarchie. Darf ich mal zitieren aus dem Katalog der Forderungen vom Internationalen Frauentag von 1930? Wir Frauen wollen frei und gleich sein! Wir fordern politische und wirtschaftliche Gleichstellung von Mann und Frau!! Prima Forderungen. Übrigens ziemlich die gleichen wie schon zwanzig Jahre vorher, zum ersten Internationalen Frauentag im Jahre 1910, den Clara Zetkin ausgerufen hatte (Weiß noch jemand, wer Clara Zetkin war? Nachschlagen!). Und gar nicht so anders, die Forderungen, wie noch 64 Jahre später, 1994: Wir wollen die Teilhabe an allen gesellschaftlichen Entscheidungen! Frauenerwerbstätigkeit statt Arbeitslosigkeit. Streichung des § 218! Wir wollen die gerechte Teilung der Hausarbeit zwischen Männern und Frauen! Jajaja.

Fordern ist ja einfach: einfach abschreiben, Frollein. Der Chef nickt zufrieden, fleißig, die Mädels. Vor hundert Jahren, wird es noch in hundert Jahren so sein? Der Internationale Frauentag in diesem Jahr ist ein Aufschrei: UNS REICHTS! JETZT IST SCHLUSS! Frauen sagen NEIN! Kann man irgendwie verstehen, oder?

Die Idee zum Streik lag in der Luft, eines Tages wurde sie ausgesprochen. In der Deutschen Bundesbahn Richtung Köln/Bonn sei es gewesen, sagen die einen, auf der Rückfahrt von einem Bundesfrauenkongreß der Grünen. Es hätten diskutiert: eine Juristin, eine Politologin, eine Frau von der evangelischen Kirche, eine feministische Liedermacherin, keine großen Namen. Andere haben damals zuerst die Berliner Justizsenatorin Jutta Limbach (SPD) davon reden hören, wieder andere behaupten, es sei eine Ostfrauen-Idee. Einigkeit herrscht darin: Die Idee war fällig, und sie kam von unten. Von einer empörten Frauenbasis. Das vergangene Jahr war ein Jahr der Männchen, wie der ZEIT-Feuilleton-Kollege B.E. höhnte, dem dafür der Titel Feminist gebührt. Es war das Jahr von Heitmann und Co.

Da, im Jahre 1993 n. Chr., war es also möglich für einen Bundespräsidenten-Kandidaten, öffentlich zu sagen, daß die Sorge um Kinder und die Selbstverwirklichung der Frau unvereinbar seien. Nicht, daß es keinen Protest gegeben hätte. Es gab ja Diskussionen: Ob man das denn so sagen könne. Ob denn vielleicht doch was dran sei. Ob Kinder denn nicht irgendwie Schaden nähmen, wenn die Mutter...? Und Frauen beteuerten brav: 1. Kinder sind keine Frauensache. 2. Kinder behindern Selbstverwirklichung nicht so schrecklich, wie Männer glauben, die mit Kindern nichts zu tun haben – es kommt auf die Umstände an. 3. Frauen wollen wie Männer Kinder und Beruf – nicht nur als Selbstverwirklichung, vor allem als Existenzsicherung. Feminismus für I-Dötzchen. Weiter, das zeigte Herr Heitmann, sind wir noch nicht. „Das muß sich ändern!“ steht auf dem Flugblatt der ÖTV.

Die Frauen in der ÖTV sind eine von etwa hundert Frauengruppen in der Republik, die zum Streik aufrufen. Frauenbuchladen „Nora“, Bonn. Der deutsche Frauenrat. Frauencafé Halle. Autonome Frauenforschungsstelle „Schwarze Witwe“, Münster. Sächsisches Frauenforum Dresden. Frauenzentrum Memmingen. Die Frauenbeauftragte der Stadt Tübingen. Das Netz ist verzweigt, und der Unabhängige Frauenverband Berlin liefert schriftliche Munition: Familienarbeit: 77 Prozent aller Frauen (West) und 70 Prozent aller Frauen (Ost) putzen die Wohnung alleine. Frauen sind nicht nur für die Kinderbetreuung nahezu allein verantwortlich, sondern auch für die Betreuung Pflegebedürftiger. Wer, Herr Heitmann, verwirklicht sich eigentlich auf Kosten von Kindern – und Frauen?