Von Reiner Luyken

Früher war es der tägliche Gang nach Canossa. Vom Bahnhof die Gleichmannstraße entlang, über den Marienplatz, an den Englischen Fräulein vorbei in den Stadtpark. Über den Würmkanal, dann über die alte Würm. Die Seitentreppe hinauf zum Eingangsportal. Diesmal gilt er der Suche nach den letzten Erben Humboldts – den Humanisten. Am Mittelpfeiler des Portals hängt ein gewichtiger Homerkopf aus einem klofensterähnlichen Steinrahmen. Darunter tanzen nackte Jüngelchen einen lustigen Reigen. Obendrüber schwebt ein mit dem Wappen des Freistaates Bayern verzierter Erker. Das Direktorenzimmer. Über dem Torbogen steht: „Erbaut Anno 1910 von der Stadt-Gemeinde Pasing“.

Das Karlsgymnasium in München-Pasing ist das jüngste der ehemals 6 Münchner und 47 bayerischen humanistischen Lehranstalten. Dr. Karl Rupprecht, Direktor während der Nachkriegsjahre und bis heute ein in altphilologischen Zirkeln weithin bekannter Mann, soll einen vorlauten Studenten einmal belehrt haben: „Junger Freund, dieses Gymnasium ist eine Gelehrtenschule.“

Acht Uhr morgens, die 9. Klasse, Grundkurs Griechisch; „Jetzt geh’ ma zur Hausaufgabe, Herrschaften. Erster Satz, die Annette. Das Heft machen wir zu, bitte schön.“

[~ griechisch ~] ~~~

„Dieses heißt? Ja, was ist jetzt?“

„Hören-sollen-der-Großkönig-und-die-Leuteum-ihn.“