Von Jürgen Krönig

London

Englands Katholiken wittern Morgenluft. Vorbei seien die Zeiten, „in denen auf uns herumgetrampelt und wir diskriminiert und beleidigt wurden“, donnert der Publizist Paul Johnson. Wie viele seiner Glaubensgefährten hat er von früher Jugend an allmorgendlich gebetet, Großbritannien und Rußland mögen zum „rechten Glauben“ zurückfinden. Jetzt hat er „den Sieg“ vor Augen. Die anglikanische Kirche habe sich widerstandslos vom Säkularismus überwältigen lassen; allein der Katholizismus sei bereit, den „Kampf gegen das schreckliche Heidentum der neunziger Jahre“ aufzunehmen.

Die katholische Minderheit triumphiert nicht von ungefähr: Lange Zeit waren die Katholiken in Großbritannien diskriminiert. Erst 1829 wurde ihnen erlaubt, Eigentum zu erwerben, für das Parlament zu kandidieren oder zu studieren. Während des Zweiten Weltkrieges hielten viele Briten ihre katholischen Mitbürger für unzuverlässig und unpatriotisch, weil deren religiöse Loyalität einem ausländischen Kirchenoberhaupt galt, das sich mit den Nazis arrangierte.

Jetzt fällt es manchem Katholiken schwer, keine Schadenfreude zu empfinden angesichts der schweren Krise der anglikanischen Kirche. Weil an diesem Wochenende 32 Frauen in der Kathedrale von Bristol erstmals die Priesterweihe erhalten, steht ein Massenexodus bevor. Über hundert Priester und Dekane, angeführt von sieben Bischöfen, mögen sich mit weiblichen Gottesdienern einfach nicht abfinden.

Angesichts der Serie spektakulärer Übertritte prominenter Laien beschleicht viele Anglikaner das beklemmende Gefühl, daß die Erosion gar die Existenz ihrer Kirche gefährden könnte. Eine „Sekte“ nannte Umweltminister John Selwyn Gummer seine frühere Kirche: „Alles, was ihr bleibt, ist Geschichte.“ Das Kabinettsmitglied schien es nicht zu stören, daß es damit zugleich Elisabeth II., weltliches Oberhaupt der Anglikaner, zur Sektenführerin abstempelte.

Hartnäckig halten sich die Gerüchte, daß auch Prinzessin Diana beabsichtigt, dem Beispiel der Herzogin von Kent zu folgen und ihr Seelenheil im Katholizismus zu suchen. Sollte Diana, die Trendsetterin, konvertieren, könnte dies den Strom abtrünniger Anglikaner zur Flut anschwellen lassen. Schon lange vor der Kontroverse über die Priesterinnen war deutlich geworden, daß die Anziehungskraft Roms zugenommen hatte: Viele Anglikaner, etwa der Schauspieler Alec Guinness und der Dichter Graham Greene, hatten die Strenge der moralischen Lehre Roms dem unverbindlichen Liberalismus der eigenen Kirche vorgezogen.