Um Manuskripte ist es Krüger schon seit längerem zu tun, nicht nur als Verlagsleiter und Lektor, sondern auch als Autor, der die Schrift in einigen Novellen und Erzählungen selbst zum Thema machte. Zuletzt sind von ihm ein lyrischer „Brief nach Hause“ und ein epischer Brief aus Haifa eingetroffen. Es sind Episteln eines melancholischen Gemüts.

Auch in seinem neuen Roman „Himmelfarb“ geht es um Manuskripte, ein gestohlenes und eines, das die Geschichte dieses Diebstahls nacherzählt. Der Bestohlene ist Jude, der Dieb ein deutscher Ethnologe, der im Auftrag Hitlers im brasilianischen Busch „den Kindheitszustand unserer Zivilisation“ erforschen soll. Hitlers Doktorand klaut dem „vogelfreien Juden“ Himmelfarb das Tagebuch ihrer Reise: „ein ganz und gar zugeschriebenes Buch, das nur mit einer Liebe zu entziffern war, die einer Bußübung glich“. Fünfzig Jahre später erzählt er die Geschichte dieses Sprachraubs, zugleich entziffert er sein Leben. Nun gleicht die Bußübung beinah der Liebe.

Die Konstellation ist heikel genug. Aber nicht das Gewicht der Geschichte wird hier gestemmt, noch die Trauer der Tropen beschworen. Es geht um das Papier als Existenzgrundlage, ums Schreiben und, schicker ausgedrückt, ums „Geschriebenwerden“. Diesmal hat der Autor einen Zeugen, der Verwechslungen nicht duldet: Der Tod führt ihm die Feder.

„Das Bewußtsein des Todes steht am Beginn des Erzählens“, räsoniert der alte Mann am Ende der Erzählung. Krügers Hang zur schönen Formulierung kündet freilich manchmal weniger vom Bewußtsein des Todes als von dem des Lektors. Sein Kunstverstand behält auch noch dann die Oberhand, wenn für den Erzähler schon längst das letzte Stündlein der wahren Empfindung geschlagen hat. Der Held fürchtet „die Sprache der Erfahrung“, sein Schöpfer fürchtet eher die Erfahrung mit der Sprache. „Himmelfarb“ ist ein sorgfältig komponiertes Buch, ein doppelt belichtetes Portrait des Autors als junger Ignorant und alter Grantler. Es erzählt von einer Urwaldreise. In den Dschungel der Gefühle aber führt die Reise nicht.

Auch in Krügers „Brief nach Hause“ ist viel von Schrift die Rede, von Himmelsinschriften und Wasserzeichen, von der Handschrift, die den Absender verbürgt, und vom Wortmüll im Container der Geschichte. Einst hat Krüger das Gedicht zum „Sammelbecken aller Rede“ ausgerufen, nun sind es gerade noch mal ein „paar armselige Wörter, die uns, ohne Mühe, geblieben sind“. Er versammelt sie unter lauter letzten Überschriften: „Aussichtslos“, „Ich bin müde“, „Ausruhen“, „PS“.

In gewisser Weise sind diese lyrischen Botschaften – wie die letzte schon im Titel annonciert – alle „Am Tag danach“ entstanden: als fortlaufendes Postskriptum eines resignierten Utopisten, der den „dicken Engel der Geschichte“ noch nicht aufs Altenteil verfrachten mag. Mit dem Rücken zur Zukunft ist er doch allem Abschied voran: „Liegt denn nicht alles / was wir waren und was wir werden könnten / zwischen zwei Abschieden?“ Seine lyrische Gestimmtheit steht auf Halbmast. Was bleibt, ist eine poetische Demut, die den traurigen Restposten nicht verloren gibt. Krügers schöne Post in Versen ist wärmstens zu empfehlen. Andrea Köhler

  • Michael Krüger: