Marcus Tullius Cicero beschrieb vor über zwei Jahrtausenden humanitas als höhere und feinere Bildung des Geistes, die nur durch die Vertrautheit mit den Werken der großen griechischen Dichter und Schriftsteller erlangt werden könne. 1396 gründete der Grieche Manuel Chrysoloras in Florenz die erste Schule im Sinne des Marcus Tullius. Philipp Melanchthons Schulplan von 1528 importierte das Ideal nach Deutschland. Die „Aneignung der klassischen Sprachen nach Inhalt und Form im Dienste des christlichen – meist reformatorisch-evangelischen – Geistes“ war seither die Grundlage der deutschen Vorstellung von höherer Bildung.

Das humanistische Gymnasium hatte immer seine Gegner, zuerst in der katholischen Kirche, später im Pietismus und in der philanthropischen Pädagogik des Schweizer Schulreformers Pestalozzi. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann der Streit zwischen den Realschulen, den „Stätten realer Bildung“, und den Gymnasien, der letztlich erst 1972 mit der Einführung der Kollegstufe beigelegt wurde. Erst seit 1972 ist jedes am humanistischen, neusprachlichen und mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasium gelehrte Fach für die allgemeine Hochschulreife gültig.

„So lange“, kommentiert Ministerialrat Peter Neukamm im bayerischen Kultusministerium, „dauert Aufklärung.“ Die Kollegstufe verschaffte freilich nicht nur der „realen Bildung“ Gleichberechtigung, sondern läutete das letzte Kapitel eines hundert Jahre währenden Verfalls der alten Sprachen ein. 1856 wurden an einem preußischen Gymnasium 128 Wochenstunden in neun Schuljahren auf sie verwendet. 1892 waren es nur noch 98 Stunden.

„Das konnte nur bei einer entsprechenden Herabsetzung der Lehrziele geschehen“, stellte eine zeitgenössische Schrift fest. „Es wird gegenwärtig nicht mehr sichere eigene Handhabung der namentlich lateinischen Sprache (lateinischen Aufsatz) gefordert, sondern auf sicherer Grundlage grammatischer Schulung gewonnenes Verständnis der bedeutendsten klassischen Schriften und dadurch Einführung in Geistes- und Kulturleben des Altertums.“

Entsprechend heruntergeschraubt sind die Anforderungen. Das griechische Schulvokabular umfaßt 1800 Wörter. Ein Standardwerk, Papes Griechisch-Deutsches Wörterbuch, ist immerhin 2825 Seiten stark. 1972 führte die Große Hochschulstatistik die Fachrichtung Griechisch noch eigens auf. Die Zahl der eingeschriebenen Studenten war in Deutschland von 286 im Jahr 1963/64 auf ganze 186 geschrumpft. In neueren Statistiken wird sie nur noch unter dem Oberbegriff „Altphilologie und Neugriechisch“ geführt.

Die Berufschancen stehen für einen Graecisten schlecht. Selbst in Bayern werden jährlich nicht mehr als acht bis zehn Griechischlehrer neu eingestellt, und auch das nur, wenn sie zwei andere Hauptfächer vorzuweisen haben. In diesem Halbjahr gibt es keine einzige freie Stelle. Altphilologie als für jede Berufsrichtung qualifizierendes „intellektuelles Training“, als das sie in Großbritannien noch Anerkennung findet, ist in Deutschland ausgestorben.

So ist es kein Wunder, daß es Gymnasien immer schwerer fällt, überhaupt noch Schüler für das Griechische zu begeistern. Denn „anfangen“, das gibt heute fast jeder Altsprachler freimütig zu, „kann man damit nichts“. Reiner Luyken