Von Ulrike Langer

Ihre Adresse ist Köln: Westdeutscher Rundfunk, Deutschlandfunk, Deutsche Welle, RTL, RTL 2, Vox und Viva. Und im Gefolge der öffentlich-rechtlichen und privaten Hörfunk- und Fernsehsender haben sich an die 250 kleine bis mittelgroße Produktions- und Zulieferfirmen angesiedelt. Und die konnten – im Zuge des kräftigen Aufschwungs der Privat-TV-Branche – den Markt unter sich aufteilen. Doch nun herrscht unter den freien Produzenten Existenzangst: Der holländische Produktionsriese NOB drängt auf den deutschen Markt.

Nederlands Omroepproduktie Bedrijf (Niederländischer Sendeproduktionsbetrieb – NOB), mit 1800 Mitarbeitern Marktführer in Europa, erwirtschaftete 1992 in Holland mit der Bereitstellung von Studios und Fernsehtechnik rund 400 Millionen Mark Jahresumsatz und beherrscht damit zu drei Vierteln den niederländischen Markt. Zu den holländischen Stammkunden um NOB gehören die TV-Produzenten John de Mol, der Bruder der Showdame Linda de Mol, und Joop van den Ende. Die Branchenriesen produzieren allein 75 Prozent der holländischen TV-Unterhaltung. Schon vor Jahren gründeten sie deutsche Tochtergesellschaften in Köln – ihr Hauptkunde ist RTL. Zum Jahresanfang fusionierten die deutschen Ableger J.E. Entertainment („Notruf“, „Wie bitte?!“, „Mini-Playback-Show“) und John de Mol („Traumhochzeit“, „Verzeih mir“, „Stadtklinik“) zum Endemol Entertainment. So sichern sie sich auf Jahre hinaus den Löwenanteil aller RTL-Aufträge für Sitcoms, Seifenopern und Game Shows.

Im Sog dieses Produktionsgiganten will nun auch NOB einen Teil seiner riesigen, daheim nicht ausgelasteten Kapazitäten nach Köln verlagern. Rund ein Drittel des Marktes will NOB von Mitte 1995 an in Deutschland erobern. Das könnte gelingen. Denn Branchenkenner schätzen den Erfahrungsvorsprung der Holländer in kostengünstiger Produktion auf drei bis fünf Jahre. Außerdem: Während die Kleinen in der Branche um jeden Auftrag kämpfen müssen, ist NOB schon allein mit Endemol-Produktionen abgesichert.

Mitte Dezember eröffnete der Konzern zunächst ein kleines Studio in Hürth bei Köln. Am Jahresende kaufte NOB in Köln dann für 12,5 Millionen Mark ein 60 000 Quadratmeter großes städtisches Gelände. Geplant sind fünf Studios mit Showbühnen, Freiflächen für Außenaufnahmen, Restaurants und Werkstätten. Eine Option auf weitere 91 000 Quadratmeter Gewerbefläche haben sich die Holländer vertraglich gesichert.

Das Mammutunternehmen NOB will mit konkurrenzlos niedrigen Preisen den deutschen Markt erobern. Bei seiner Kalkulation ist NOB-Geschäftsführer Jan-Arie den Oudsten im Vorteil: Seine Aktiengesellschaft mit ihrem riesigen Technikpark wurde 1987 aus einem staatlichen Sender betrieb herausprivatisiert, dessen umfassende Technik voll abgeschrieben ist. Kein Wunder also, daß der Kölner Mittelstand zittert.

Der Verband der Fernseh-, Film- und Videowirtschaft NRW e.V. (VFFV), der sechzig vorwiegend Kölner Produktionsfirmen und Dienstleister vertritt, wirft der Kölner Stadtverwaltung vor, nun plötzlich den Großkonzern favorisiert zu haben. Erst im Sommer hatte Oberstadtdirektor Lothar Ruschmeier sich noch in einem Strukturgutachten die Bedeutung der mittelständischen AV-Szene für Köln als Medienstandort dokumentieren lassen. Dabei dürfte NOB kaum neue Arbeitsplätze schaffen, denn die Holländer wollen zunächst ausschließlich ihre daheim unterbeschäftigten Landsleute in Köln unterbringen. Die Gewinne des Konzerns sieht VFFV-Vorstandsmitglied Mathias Laermanns für die nächsten Jahre ohnehin nach Hilversum entschwinden. TV-Macher freilich freuen sich auf den neuen Produzenten. So begrüßt Alexander Stille, Geschäftsführer der Programmfirma creatv („Hans Meiser“), „die Chance, daß Bewegung in den Markt kommt“ – trotz guter Zusammenarbeit mit den ortsansässigen Studios der Magic Media Company (MCC). Doch auch beim VFFV weiß man natürlich, daß der Zuzug der Holländer nicht zu verhindern ist.