Von Volker Reinhardt

Im Vorwort zur deutschen Ausgabe seiner vergleichenden, 1974 zuerst erschienenen Studie zu den städtischen Eliten Venedigs und Amsterdams im 17. Jahrhundert umreißt Peter Burke methodisch-perspektivische Alternativen: Vor allem eine stärkere Einbeziehung von Volkskultur ins Wahrnehmungsfeld der Oberschichten erschiene ihm heute wünschenswert. Von den Ergebnissen allerdings wird nichts Wesentliches revidiert. Dieses Urteil in eigener Sache bedarf der Revision. Denn vom Ansatz her ist der Vergleich der zwei am und im Wasser gebauten Handels- und Patrizierstädte immer noch überzeugend. Nach kurzem Überblick über Genese und Relevanz soziohistorischer Elitenforschung folgt in sieben Doppeltableaus ein analytischer Querschnitt durch die innere wie äußerliche Befindlichkeit der Eliten an Lagune und Amstel, und zwar anhand von Definition beziehungsweise Abgrenzung, politischer Rekrutierung und Funktionsverteilung, wirtschaftlicher Basis, Lebensstil, Wertsystemen, Kulturpatronage und Erziehung der jeweiligen herrschenden Kreise.

Der Grundtenor dieser sezierenden kollektiven Parallelbiographie ist die Vergleichbarkeit des scheinbar Inkomparablen und im Detail häufig voneinander Abweichenden. Das ist eine auf den ersten Blick verblüffende, gängigen historischen Kategorisierungen widersprechende Perspektive, da beide Städte das 17. Jahrhundert ganz verschieden erlebt haben: Venedig als das demographisch, politisch und kulturell kritischste seiner Geschichte, das die endgültige Redimensionierung der Serenissimi zur regionalen Mittelmacht bestimmte; Amsterdam, das seine Einwohnerzahl versechsfacht, hingegen als das vielbeschworene "Goldene Zeitalter" des Handels und der Künste.

Doch zeigt sich die Parallelität laut Burke vor allem am Ende des Säkulums. Sowohl der katholische Stadtadelige im Norden Italiens als auch der überwiegend calvinistische Patrizier im atlantischen Westen machen jetzt einen mentalen Wandel mit tiefgreifenden wirtschaftlichen Folgen durch: vom risikofreudigen Unternehmer zum auf behagliche Rentensicherheit bedachten Grundbesitzer. Diese These ist nun nichts Neues; sie ist für das 17. Jahrhundert ideologisch unterschiedlich formuliert worden, am prägnantesten und zugleich umstrittensten als Konzept der Refeudalisierung ursprünglich städtisch-unternehmerischer Weltsicht und Lebensformen.

Hier hat die Kritik anzusetzen. Die Kultur- und Sozialgeschichte beider Städte, vor allem die Venedigs, hat in den vergangenen beiden Jahrzehnten empirisch breite Forschungen hervorgebracht, die das Bild der Elite präziser gefaßt haben. Das gilt vor allem für die monumentale Studie von J. Georgelin (1978), der dem venezianischen Patriziat von der Wiege bis zur Bahre, von der Intimität des Alkovens bis zur Öffentlichkeit des Ratssaales quantitativ zu Leibe gerückt ist, während etwa bei O. Logan (1982) das bei Burke auf fünf Seiten sehr blaß bleibende Mäzenatentum der großen venezianischen Clans durchleuchtet wird.

Durch diese und viele weitere Arbeiten – allesamt nicht in der Einleitung der Erwähnung für wert befunden – schrumpft Burkes Studie nicht zu Makulatur, doch zu einem Präludium. Die wichtigsten Revisionen und Retuschen: So unbestreitbar eine sozioökonomische Verlagerung der Eliteninteressen aufs Land bleibt, so ist ihr Ausmaß nebst Folgen zu revidieren; die venezianische Oberschicht hat auch im 18. Jahrhundert eine zwar geschrumpfte, doch deswegen nicht vernachlässigbare kommerzielle Aktivität aufrechterhalten.

Überhaupt, der Adel: Daß die Elite Venedigs im 17. Jahrhundert, dem französischen Amtsadel parallel, ein ziviles, unmilitärisches Ethos entwickelt habe, stimmt so pauschal nicht. Siehe ihren ungeheuren Aderlaß in der Schlacht um Kreta oder auch ihre Grabstätten, wo es von Kanonenkugeln und Rüstungen nur so wimmeln kann.