Von Willi Winkler

Leise nur summt die Autobahn herüber, München-Berlin oder Berlin in den Süden, ein Dauerton, streng, ein bißchen erhaben wie das Land hier. Unter der Brücke ein Angler, dem heute kein Fisch anbeißen will, und dort ein älteres Ehepaar, das mit seinem Audi 80 („Auto des Jahres 1974“ steht im Rückfenster) ganz nah ans Ufer gefahren und friedlich eingeschlafen ist im Angesicht der stillgestellten Natur. Der Mensch. Die Landschaft. Das reine Idyll.

Und ein Kunsteinfall: Aus der Böschung springt eine schmale Steintafel gegen das Wasser vor, sinn- und zwecklos, poliert, zweifellos Land-art. Granit natürlich, nicht von hier, aber deutscher Kernstein mußte es schon sein.

Denn hier, in dieser beinah lautlosen Einöde, genau bei Kanalkilometer 102,1, ist die Scheitelhöhe des Rhein-Main-Donau-Kanals erreicht, hier, 406 Meter über dem fernen Meeresspiegel, überwindet Europas modernste Wasserstraße die kontinentale Wasserscheide. Nördlich und westlich fließt alles zum Rhein und in die Nordsee, südlich und östlich mündet alles in die Donau und irgendwann sogar ins Schwarze Meer.

Es ist erreicht. 1200 Jahre brauchte es und drei Monarchen, ehe dieser Bau vollendet war, der uns Europäer verbinden oder jedenfalls dem Fischkutter aus Rotterdam die freie Fahrt bis nach Odessa ermöglichen soll. Während einer sonst nicht bemerkenswerten Kampagne gegen die unbotmäßigen Franken verfiel Kaiser Karl der Große im Jahr des Heils 793 auf den naheliegenden Gedanken, den kurzen Abstand zwischen den Flüssen Altmühl und Rezat mit einem Graben (fossa Carolina) zu verbinden und so Mannen und Schiffe rasch gegen den Feind zu transportieren. Die Lohnstückkosten am Standort Deutschland kamen zu Kaisers Zeiten halt doch günstiger, dreitausend laufende Meter waren da sofort ausgehoben, „aber vergebens“, wie der Chronist seufzend vermeldet. „Wann von wegen stetter Fluss und des Erdreichs welche von Natur aus sumpfig, das getan werkh nit bessern moegen, denn je mehr Erdreichs die Graber am Tag auswurden, Soviel des Nachts wieder einfiel...“.

Gut tausend Jahre später probierte es der bayrische König Ludwig I. mit Lean Production. In zehnjähriger Arbeit wurde der Altmühl ein schmales Gewässer beigegeben; extrem unwirtschaftliche 101 Schleusen führten nach Norden zum Main. Bei aller Technikbegeisterung war der Ludwig-Donau-Main-Kanal doch zu romantisch, als daß er, wie geplant, den gewaltigen Frachtverkehr hätte aufnehmen können, den die neuen Industrien so schnell entwickelten. 196 000 Tonnen wurden 1850, vier Jahre nach der Eröffnung, umgeschlagen. Der Kanal verfiel, versank wieder in der Landschaft, in die er einst gekerbt wurde. Die Bäume, die der König hatte anpflanzen lassen, trieben aus und wuchsen und stehen noch heute.

„Noch sind eine Menge Sümpfe zu entwässern, Flüsse einzudeichen, Eisenbahnen, Kunststraßen und Wege zu bauen“, lamentierte im Jahr 1851 der fortschrittssinnige Wilhelm Pfeil, Director der Königl. Preuß. höheren Forst-Lehranstalt. „Dazu sind auch in Baiern noch Wege und Straßen genug zu bauen und zu bessern, Sümpfe urbar zu machen, Eisenbahnen zu bauen, viele Berge und Anger in Kulturland zu verwandeln. Tausende können noch beschäftigt werden.“ Arbeitsplätze, das wär’s!